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„Da oben wachsen ja Bäume,“ staunen die Besucher am Fuße des 41
Meter hohen Torre Guinigi. „Das sind Steineichen, und dieser Ziegelturm aus dem
14. Jahrhundert ist das Wahrzeichen von Lucca, “ erklärt Stadtführerin Emanuela.
Neugierig steigen viele die 230 Stufen hinauf. Die gehen sich recht bequem, nur
Großgewachsene müssen auf den letzten Metern den Kopf einziehen.

Die Bäume auf dem Torre Guinigi
Angeblich sind diese knorrigen Bäume so alt sind wie der Turm selbst. Die
Erbauer des Turms und des dazugehörigen Palazzo ließen sie als Zeichen der
Wiedergeburt dort oben pflanzen. Das passt zu Lucca, wurde doch das Städtchen
unter den diversen Herrschern ebenfalls immer wieder neu geboren. Denn auf die
Kelten, die zuerst hier siedelten, folgten Etrusker, Römer, Goten und Lombarden.
Vermutlich haben alle Lucca geliebt, und so ist es geblieben bis auf den
heutigen Tag.
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Noch fabelhafter als der Blick auf die windschiefen Bäume ist die Aussicht vom
Torre Guinigi. Unten ducken sich die Häuser mit ihren roten Ziegeldächern im
Schutz einer 4,2 km langen und 12 Meter hohen Stadtmauer. Auf die sind die
Luccheser mächtig stolz. Noch immer und aus gutem Grund. Vor allem der vierte
Schutzring mit seinen Bollwerken und meterdicken Mauern hat Lucca Jahrhunderte
lang die Eigenständigkeit bewahrt. Inzwischen ist die Mauer begrünt und ein
beliebter Spazierweg mit Aussicht. |
Ursula Wiegand, die Autorin
dieses Artikels, ist eine
erfahrene Reise-
und Kulturjournalistin,
die für
diverse Blätter arbeitet.
Italien gehört zu ihren Lieblingszielen.
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Der Blick auf die Stadt vom Torre Guinigi
Aus Luccas Häusergewirr ragen die Kirchtürme heraus. „Lucca ist die Stadt der 99
Kirchen,“ betont Emanuela. Diese Zahl erscheint fraglich, doch eines ist gewiss:
die Stadt profitierte von den Pilgerströmen auf der Frankenstraße, die von Rom
u.a. über Lucca nach Paris und bis Canterbury führte. Eine Abzweigung ging nach
Deutschland hinein. Noch weit wichtiger war jedoch der Seidenhandel. Der machte
manche Familien so reich, dass sie sich eigene Gotteshäuser bauen ließen.
Die ältesten, wie San Giovanni und der Dom San Martino, stammen aus dem 4.
Jahrhundert. Unter ihnen hat man Fundamente aus der Römerzeit entdeckt. Ja -
schon die Römer liebten Lucca und bauten hier ein Amphitheater. In diesem in
Stand gesetzten Oval, genannt Piazza Anfiteatro, reihen sich bunte Häuschen.
Dort gehen die Uhren ein bisschen anders, hier gibt sich Lucca echt gemütlich.
Im Sommer stehen Tische und Stühle auf dem Platz. Mittenmang von 2000 Jahren
Geschichte können die Besucher Kaffee trinken.

Piazza Anfiteatro, das Zentrum von Lucca
Und die haben sich auch schon in Lucca verliebt und verstehen, warum die Stadt
als Perle der nördlichen Toskana gilt. Bewundernd stehen sie bald vor der
exquisiten weißen Fassade von San Martino. Aus Kalkstein sei die, nicht aus
Marmor, sagt Emanuela. Egal – sie ist jedenfalls wunderschön. Aber ohne sie
gebührend zu würdigen, streben fast alle geschwind hinein. Zum Volto Santo, dem
Heiligen Antlitz.
Es handelt sich dabei um ein Crucifix mit einem fremdartigen Christus-Gesicht.
Nach einer frommen Legende hat es der Hl. Nikodemus, ein Zeitgenosse Jesu,
gefertigt. Ein Engel hätte ihm das Gesicht geschnitzt. Auf einem führerlosen
Boot sei es bis Luni in Italien gelangt. Dort habe man nicht gewusst, wohin
damit, habe das Kreuz auf einen Ochsenkarren geladen und die Tiere frei laufen
lassen. In Lucca hätten sie angehalten. In San Martino ist es seit 1107.

Lucca - Stadt der 99 Kirchen - ob's stimmt?
Hier jedenfalls zwei davon: vorne San Giovanni, hinten rechts San Martino
Nach Expertenmeinung ist das Crucfix „nur“ etwa 1.000 Jahre alt und
byzantinischen Ursprungs. Doch das tut nichts zur Sache. Jedes Jahr am 13.
September wird eine Kopie des Volto Santo in einer festlichen Prozession von San
Frediano - der Kirche mit dem farbenprächtigen Fassaden-Mosaik - über San
Michele nach San Martino getragen. Anschließend feiern die Stadt und ihre Gäste.

Das farbenprächtige Fassaden-Mosaik von San Frediano
Doch es sind nicht nur die in Reiseführern mit Sternen gekennzeichneten
Highlights, die Lucca auszeichnen. Nein, es sind mindestens ebenso die
charmanten Details, die die Stadt so liebenswert machen. Hier einige hübsche
alte Lampen, dort ein Zierrat am Mauerwerk. Obwohl in den vergangenen Jahres
vieles gekonnt restauriert wurde, sind Patina und Flair erhalten geblieben. Luccas „way of life“ wirkt ungemein entspannend.
Lucca verführt, man muss es einfach lieben.


Text und Fotos: Ursula Wiegand