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Am Vortag des offiziellen Karneval-Beginns werden
sieben hölzerne Marienstatuen in einem prunkvollen Umzug zur Piazza
San Marco getragen. Danach wird ein Straßenball für alle Anwesenden
veranstaltet. Den offiziellen Auftakt bildet der Umzug der Masken und
Künstler, die mit Fackeln und Trommeln den Karneval symbolisch
eröffnen. Bis die Masken am Aschermittwoch wieder abgelegt werden
müssen, folgen unzählige weitere Anlässe und Gala-Abende mit Bällen.
Die Geschichte
Die Lust am Verkleiden ist alt. Schon vor über 900 Jahren
wurde der Karneval in Venedig gefeiert. Die Masken boten damals Anonymität -
soziale Schranken waren somit aufgehoben. Adelige verkleiden sich als Diener und
Diener als Adelige, Männer und Frauen tauschten die Gewänder. Für ein paar Tage
im Februar wurde Sitte, Anstand und Rollenzugehörigkeit dem närrischen Treiben
geopfert.
In voller Blüte stand der Karneval zu Lebzeiten Casanovas im 18. Jahrhundert.
Damals dauerten die närrischen Tage fast ein halbes Jahr und wurden sogar über
die Staatsgeschäfte gestellt. Die Stadt verhängte Erlass über Erlass, um die
Maskerade und deren Missbrauch zu verbieten, doch es war vergebens. Erst als
Napoleon 1797 die Stadt einnahm, verbot er den Karneval kurzerhand.
Die Herrschaft Napoleons war nicht nur Untergang der Republik, sondern auch der
beginnende Dornröschenschlaf des Karnevals. Die Erweckung des Karnevals aus
seinem fast 200-jährigen Schlaf führte 1979 auch zum Wiederaufblühen eines fast
vergessenen Gewerbes: dem der Maskenherstellung.
Zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es nur vier Maskenhersteller,
die Masken auf traditionelle Weise fertigten. "Vom Karneval in Venedig ist
überall die Rede. Die größte Zerstreuung bietet zu dieser Zeit hier die
Maskierung, wie übrigens auch zu anderen Festen. Die Venezianer – von Natur aus
festlich gestimmt – lieben es, sich in die Massen und Vergnügungen derartiger
Anlässe zu stürzen und dabei ihre Identität hinter Vermummungen zu verbergen. In
der Tat sind sie ja vor die Notwendigkeit gestellt, Zerstreuungen ausfindig zu
machen, die der Natur ihres Wohnortes entsprechen und sie für die entgangenen
Vergnügungen der Landbewohner entschädigen. Diese Verkleidungen eröffnen jede
Gelegenheit für eine Unmenge an Liebesabenteuern, denn die Amouren von Venedig
sind intrigenreicher als in irgend einem anderen Land."
Aber hinter dieser scheinbar rationalen Erklärung lugte dann doch die
eigentliche Attraktion der Lagunenstadt hervor: Venedig, das war ein
europäisches Zentrum der Vergnügungen, der Feste, der Liebe. Seit Jahrhunderten
galten die venezianischen Kurtisanen als die Königinnen ihrer Profession.

Schon im 16. Jahrhundert erschienen gedruckte Kataloge vor
allem natürlich für die Besucher der Stadt, in denen die Adressen und die
besonderen Reize der raffiniertesten und teuersten der Lust-Damen aufgezählt
wurden. Und zu gleicher Zeit wundert sich Michel de Montaigne in seinem schönen
Reisetagebuch, «sie in solcher Zahl zu treffen, etwa hundertfünfzig, die an
Möbeln und Kleidern den Aufwand einer Prinzessin treiben». Allerdings blieb er
nur eine Woche in Venedig, und die eigene Anschauung mag durch die Berichte
begeisterter Freunde ergänzt worden sein.
Im Karneval, in der Freiheit der Maske, schien diese viel versprechende Anlage
der Venezianer zur Liebe, von allen Schranken und bedrückenden Konventionen
entlastet, endlich verwirklicht zu werden. Ungeahnte, unerhörte Möglichkeiten
schienen den reisenden Fremden zu erwarten.
Geschichte ist im venezianischen Karneval, in seinen Kostümen, Zeremonien,
Festen stets präsent. Anspielungen, Zitate, Erinnerungen an große politische
oder militärische Ereignisse, an städtische Rivalitäten, Kämpfe, Unterwerfungen,
aber auch an Mythen, Märchen und Moden des Volkes durchziehen die Maskenzeit.
Aber natürlich hat die Maskierung selbst, ihr Ritual als Jahresfest ebenfalls
eine Geschichte, die überall in Europa, wo der Karneval gefeiert wird, aus
stereotypen und aus besonderen, einzigartigen Elementen besteht. Denn im
Karneval erscheinen zugleich alte, sich nur allmählich wandelnde Haltungen und
Überzeugungen als Teil einer weit verbreiteten "Volksreligion" und daneben oder
besser darüber gelagert strukturelle Eigentümlichkeiten der Gesellschaft, die
sich jeweils miteinander, gegeneinander die Maske aufsetzt.

Wie in ganz Italien standen auch in Venedig antike Maskenfeste
Pate bei der Entstehung des Karnevals, allen voran die Saturnalien, die im
ganzen römischen Imperium als Fest der Jahreswende mit allen attraktiven
Möglichkeiten der Maskenorgie aufwarteten. Trotz heftiger Gegnerschaft der
Kirche feierten die Venezianer ihren Karneval seit dem Bestehen der Stadt. Die
Kostümierung hatte zu Beginn noch wenig vom Raffinement und von der Vielfalt,
die später die Bewunderung Europas erregen sollten. In Felle gehüllt und mit
Zweigen geschmückt zogen Gruppen junger Männer mit Saiteninstrumenten durch die
Stadt, besangen die Frauen, vor allem aber die Aussichten auf gutes und
reichliches Essen, das die Festzeit bringen würde: «Trinkt, esst, guten Käse,
gute Früchte, gutes Fleisch, gute Nudeln, gutes Huhn, guten Kapaun, trinkt und
esst, bis es nicht mehr geht!»
Denn der Karneval begann mit dem Tag des Heiligen Stephan, am 26.Dezember, in
jener Zeit also, in der die ersten Vorräte aufgezehrt waren und der Rest dennoch
lange reichen musste. In diese Lage der Vorsorge und wohl berechneten Einteilung
brach der Karneval als Gegenwelt des Überflusses, der Verschwendung, der
Unberechenbarkeit herein. Für einen Augenblick traten die Menschen aus dem Reich
der Notwendigkeit ein in das Reich der Freiheit.
Überhaupt begann jetzt die Epoche der Verbote. Am 12.Februar 1339 verbot
dasselbe Gremium des adeligen Patriziats das Tragen von Masken, da unter ihrem
Schutz Verbrechen und Betrug in die Stadt eingezogen seien. Offensichtlich fand
das Verbot keine Resonanz, denn ein Jahrhundert später sieht sich der Rat der
Zehn veranlasst, gegen Männer vorzugehen, die als Frauen maskiert zur
Karnevalszeit in Nonnenklöster eindrängen, um dort «viele Schamlosigkeiten» zu
begehen. Drei Jahre nach diesem Dekret, 1461, erlässt diese mächtige Behörde ein
neues, das die Entscheidung von 1339 gegen jegliche Maskierung wieder aufnimmt.
Aber alle Verbote scheinen totes Papier geblieben zu sein, denn in immer
kürzeren Abständen werden sie erneuert.
1502 verbot der Rat der Zehn «das Tragen künstlicher Haare und Bärte, der Masken
und überhaupt jede Form der Verkleidung». 1504 und 1606 folgte eine wörtliche
Wiederholung. Im Laufe des Jahrhunderts folgten weitere Verbote, wie das Tragen
von Waffen.
War der venezianische Karneval im 14. Jahrhundert gewalttätig, ausschweifend,
kriminell geworden? Sicher nicht, oder wenigstens nicht mehr - gewiss auch nicht
weniger - als zuvor. Die Ursachen für die Verbote lagen mehr auf jener Seite,
die die Verbote aussprach, als auf der, der sie galten.
Immer wieder wurden Verbote ausgesprochen was den Karneval aber nicht stoppen
konnte und ihn bis heute zu einem der wichtigsten Feste in Italien werden ließ.
Text und Fotos:
Markus Ruppert
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