Wohnen in Italien
Eine Wohnung mieten
ist nicht ganz einfach, schon in Deutschland. In Italien ist es noch ein Stück
schwerer, denn der italienische Wohnungsmarkt ist ganz anders als der deutsche.
Ungefähr 70-75% aller Wohnungen in ganz Italien (mit regionalen
Unterschieden) sind Eigentumswohnungen, das bedeutet, dass die Zahl mietbaren
Wohnungen sehr viel geringer ist als in Deutschland. In Universitätsstädten
führt das dazu, dass die Mietpreise
nicht selten Wucherdimensionen annehmen. Auch
Studentenwohnheime sind sehr viel seltener als in Deutschland und um da
reinzukommen, brauchen Sie viel Vitamin "B" (Beziehungen...). Mit viel
Geld können Sie natürlich alles bekommen, was Sie wollen, aber für einen normalen
Geldbeutel erfordert die Wohnungssuche in Italien erheblich mehr Geduld,
Ausdauer und Nervenbelastbarkeit.
Eine Wohnung kaufen ist ein Unternehmen, das nicht nur Geld
erfordert. Die Wohnungen kosten im Durchschnitt das gleiche wie in Deutschland - wie in Deutschland auch mit großen Unterschieden zwischen Stadt und Land,
Kleinstädten und Großstädten, zwischen Zentrum und Vorstadt. Wenn Sie sich dazu
entschieden haben, werden Sie die geballte Macht der italienischen Bürokratie zu
spüren bekommen, der gegenüber die deutsche ziemlich unterentwickelt erscheint. In diesem Fall empfehle ich Ihnen unbedingt die
Hilfe
eines Experten in
Anspruch zu nehmen, wie z.B. die der
Schutzgemeinschaft deutscher Grundeigentümer!
Studieren in Italien
Ein oder zwei Semester an einer
italienischen Universität zu verbringen, kann eine sehr schöne und nützliche
Erfahrung sein, aber auch hier gilt es, sich vorzubereiten - auch geistig. Ich
kenne sowohl die deutschen als auch die italienischen Universitäten (vor allem
die geisteswissenschaftlichen Fächer) und habe immer wieder
festgestellt, dass die italienischen Universitäten sehr viel stärker verschult
sind. Was verlangt wird, ist massenhaft abfragbares Wissen, die Zahl der für eine
Prüfung zu lesenden
(und oft einfach mehr oder weniger auswendig zu lernenden) Bücher ist in der Regel viel höher, als man es von deutschen Unis gewohnt ist!
Als Erasmus-Student hat man damit zum Glück allerdings weniger Probleme. Für
weitere Einzelheiten lesen sie:
Studium in Italien.
Arbeiten in Italien
Erwarten Sie nicht, dass Sie für die
gleiche Arbeit in Deutschland und in Italien das gleiche Gehalt bekommen. Die
Gehälter sind in Italien im Durchschnitt niedriger, die Lebenshaltungskosten
sind dagegen ungefähr die gleichen wie in Deutschland (vor allem in Norditalien). Die italienischen Gesetze,
vor allem was die Arbeitsplatzsicherheit angeht, sind ziemlich
arbeitnehmerfreundlich, was für diejenigen, die
schon eine feste Anstellung haben, in der Regel positiv ist. Leider hat das aber
auch die unangenehme Nebenwirkung, dass die Arbeitgeber oft viel lieber
Verträge abschließen, die eben kein festes Angestelltenverhältnis
bedeuten oder, schlimmer noch, Schwarzarbeit, ohne jeden Vertrag. Der
Anteil der Schwarzarbeit ist in Italien sehr hoch, viel höher als in
Deutschland. Die (offizielle)
Arbeitslosigkeit ist ungefähr so
hoch wie in Deutschland. Anders sieht es aus bei der
Jugendarbeitslosigkeit: Fast 30% der italienischen Jugendlichen zwischen 18
und 28 Jahren sind arbeitslos! Zu den offiziellen Zahlen muss man allerdings
noch
all die dazurechnen, die zwar arbeitslos, aber nicht arbeitslos gemeldet
sind und das sind in Italien sehr viele. Im Süden ist
die Arbeitslosigkeit sehr viel
höher als im Norden. Eine
Arbeitslosenversicherung wie in Deutschland gibt es in Italien nicht: wer
arbeitslos ist, muss im Prinzip selber sehen, wie er zurecht kommt. In den
meisten Fällen muss da die Familie einspringen - das ist übrigens ein Grund,
warum die italienischen Jugendlichen so lang in der Familie
wohnen bleiben. Staatliche
Hilfen sind kaum der Rede wert: In den Fällen, in denen es (eine ziemlich
knappe) Arbeitslosenhilfe gibt, dauert sie nur wenige Monate. So etwas wie
Sozialhilfe existiert überhaupt nicht. Harz 4 ist Luxus dagegen - die
arbeitslosen Italiener beneiden die arbeitslosen Deutschen...
Wenn Sie gute - möglichst sehr gute - Italienischkenntnisse haben, dazu möglichst auch noch gut Englisch sprechen, und wenn Sie nicht älter als 30-35 Jahre alt sind, dann haben Sie
allerdings eine bessere Ausgangsposition bei der Arbeitssuche (vor allem in
Norditalien), wenigstens in den Berufen, wo Sprachkenntnisse wichtig sind.
Leben in Italien
Wie schon gesagt: die
Kompliziertheit und Langsamkeit der italienischen Bürokratie lässt
manchmal Sehnsucht aufkommen nach der Arbeitsweise deutscher Ämter. Auf der
anderen Seite gilt: wer die richtigen Bekannten an den richtigen Schreibtischen
hat, für den
kann Italien auch das effizienteste Land Europas sein - was man
natürlich positiv und negativ sehen kann. Die Vetternwirtschaft ist in Italien
ziemlich normal. Wer sehr an der deutschen
Korrektheit, Pünktlichkeit und Ordnung hängt,
wird an Italien verzweifeln.
Die Mentalität der Italiener hat viele angenehme Seiten und macht
das Leben in vieler Hinsicht leichter, aber auch in dieser Beziehung werden Sie in Italien nicht nur Positives erleben.
Die Italiener sind (im Durchschnitt) viel stärker als die
Deutschen von Traditionen und gesellschaftlichen Konventionen beeeinflusst.
Das wird viele vielleicht überraschen, die die Italiener nur im Urlaub oder
in den italienischen Restaurants in Deutschland kennen gelernt haben. Ist
aber eine unleugbare Tatsache. Das "Anderssein" der Italiener bedeutet nicht
"freies Leben", es ist sehr stark geregelt - das merken Sie aber erst, wenn
Sie hier leben. Ob sich ein Deutscher in
Italien wohl fühlt oder nicht, das hängt sehr von
seiner geistigen Flexibilität ab. Man kann in Italien gut leben, wichtig
ist nur, dass man seine Vorstellungen von "normaler Lebensart"
relativiert, dass man bestimmte Dinge akzeptiert, die man in Deutschland
nicht akzeptieren würde. Integration ist nicht immer einfach. Ich habe
genug Deutsche kennen gelernt, die nach
ein paar Jahren in Italien
frustriert und desillusioniert waren und auch einige, die dann
nach Deutschland zurückkehrten.
Lesen Sie dazu auch:
Lebt man besser in Italien
oder in Deutschland?
Zwischenmenschliches
Viele Deutsche kommen nach Italien,
weil "Amore" ihre Motivation mehr oder weniger sanft bestärkt hat.
Wenn Sie dann in Italien sind, bemerken sie in der Regel, dass an ihrem
italienischen Freund (oder an ihrer italienischen Freundin) eine ganze
Familie dranhängt, was Konsequenzen haben kann, die für Deutsche, die auf ihre
Unabhängigkeit erpicht sind, oft unvorhersehbar und nicht immer erfreulich sind.
Vergessen Sie nicht, dass Italien ein sehr katholisches Land ist und dass
Traditionen und gesellschaftliche Konventionen dort wichtiger sind als in Deutschland. Das zu beachten und zu respektieren ist besonders wichtig, wenn Sie
in Süditalien leben.
Bella Italia
Über die angenehmen Seiten der
italienischen Küche sind Berge von Büchern geschrieben worden, überflüssig, hier
noch weitere (durchaus berechtigte) Lobeshymnen hinzuzufügen. Wenn Sie Nachhilfe
brauchen, lesen Sie: Italienische Küche. Ich möchte nur noch eine
kleine Anmerkung machen zur Sonne, die, wie viele glauben, in Italien angeblich immer scheint.
Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf.
Wenn Sie in Verona, Bologna oder Florenz im Oktober oder November auf Sonne
hoffen, könnte es sehr gut passieren, dass Sie dort die gleichen ungemütlich-grauen Regentage abbekommen wie daheim in Gelsenkirchen.
Zwischen November und Februar habe ich zwischen Düsseldorf (meiner ersten Heimat)
und der Region Venetien (meiner zweiten) kaum wesentliche Wetterunterschiede festgestellt.
Aber dann, ab März, merkt man doch, dass man in Italien ist :-)
Eine letzte Bemerkung zum Wetter: wenn Sie Probleme mit rheumatischen Beschwerden haben,
sollten Sie die norditalienische Poebene lieber meiden: die praktisch
ganzjährige hohe Luftfeuchtigkeit (drückende Schwüle im Sommer und zahlreiche
Nebeltage im Winter) wird Ihnen ganz schön zusetzen...
Lesen Sie dazu:
Wie ist das Wetter in Italien?
Alles in allem
Alles in allem ist Italien kein
Traumland, sondern ein normales Land, mit vielen
schönen Seiten, aber eben auch vielen weniger schönen Seiten. Sich für
längere Zeit auf eine andere Lebensart und eine andere Mentalität
einzulassen, ist aber auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich jedem nur
empfehlen kann. Vorurteile und/oder Illusionen über das Land, wo die
Zitronen blühn, sollte allerdings besser vorher ablegen, sonst wird man
Italien weder richtig kennen, noch schätzen lernen.
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