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Padre Pio und die italienische Volksfrömmigkeit

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Ein historisches Foto (1919) von Padre Pio
Das erste historische Foto (1919) von Padre Pio, mit den angeblichen blutenden Wundmalen Christi
Foto: Autor unbekannt

Wer war "Padre Pio"?

Wer die italienische Volksfrömmigkeit verstehen will, sollte Padre Pio kennen. Seine Verehrung ist ein Phänomen, vergleichbar nur mit der von internationalen Popstars. Er ist der einzige Heilige, über den auch in der italienischen Regenbogenpresse gesprochen wird, Fußballstars, Prominente aus Politik und Showbuisness pilgern häufig zum Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo - und lassen sich hier fotografieren - und unzählige Massenprodukte tragen seinen Namen.

Francesco Forgione (1887–1968), später Padre Pio genannt, geboren in Pietrelcina, einer kleinen Stadt in der Region Kampanien, war ein Kapuziner und Ordenspriester. Ab 1918 lebte er in San Giovanni Rotondo in Apulien, wo er sich im gleichen Jahr zum ersten Mal der Öffentlichkeit mit den angeblichen blutenden Wundmalen Christi präsentierte und dann fast nur noch mit verbundenen Händen vor seine Anhänger trat. Er behauptete auch, in seiner Mönchszelle mit dem Teufel zu ringen und wurde später vor allem als Wunderheiler bekannt.

Als in den schon früh entstehenden volkstümlichen Anekdoten über ihn mehrere offensichtliche Widersprüche auftraten, wurde ihm, um diese zu entkräften, die Gabe der Bilokation zugesprochen, d.h. der Fähigkeit, an zwei verschiedenen Orten gleichzeitg anwesend zu sein.

In den folgenden Jahrzehnten schickte der Vatikan insgesamt drei Untersuchungskommissionen nach San Giovanni Rotondo, um den Fall zu untersuchen und alle drei kamen mehr oder weniger zu dem Ergebnis, dass es sich bei Padre Pio um einen hysterischen Scharlatan handelt, der seinen Kritikern gegenüber auch schon mal handgreiflich wurde. Später kamen noch Anklagen wegen persönlicher Bereicherung und unmoralischer Lebensführung dazu. Aber all das tat seiner wachsenden Beliebtheit keinen Abbruch, im Gegenteil. Die Erzählungen über angebliche Wunderheilungen verbreiteten sich in ganz Italien und der Andrang von Hilfesuchenden nahm immer mehr zu, besonders nach seinem Tod im Jahr 1968. Das Volk wollte einen Heiligen (die Einwohner von San Giovanni Rotondo natürlich ganz besonders) und bekam ihn schließlich, trotz aller Widerstände: Im Jahr 2002 sprach Papst Woytila den Sonderling aus Apulien heilig: die Volksfrömmigkeit hatte über die Vernunft gesiegt und der Pilgerstrom nach San Giovanni Rotondo erlebte einen weiteren Zuwachs.

Über den Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo:

Der Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo (Gargano)
Der Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo mit der Kirche Santa Maria delle Grazie (in der Mitte) und der modernen Wallfahrtsbasilika San Pio da Pietrelcina (rechts)
Foto:
Nikzia
Die Stadt selbst (ca. 27.000 Einwohner) bietet dem Besucher wenig Interessantes und der gesamte ununterbrochene Besucherstrom (etwa 6 Millionen pro Jahr) zielt auf die erst 2004 fertiggestellte große Wallfahrtsbasilika San Pio da Pietrelcina, die innen 6.500 Personen Platz bietet, auf dem weiten Vorplatz noch mal weiteren 30.000. Ihr Bau dauerte 10 Jahre und kostete 36 Millionen Euro. Die Krypta mit dem 60 Zentner schweren Sarg des Padre Pio aus blauem Granit und der lange Korridor, der zu ihr hinführt, sind auf 2.000 Qudratmetern mit purem Gold überzogen.

Die ihm gewidmete Wallfahrtsbasilika wird vom Franzikanerorden verwaltet; der unglaubliche Luxus, der hier beim Bau getrieben wurde, steht eigentlich in krassem Widerspruch zur Philosophie des Ordensgründers Franz von Assisi, der Armut und Bescheidenheit lebte und propagierte. Was heute aber niemenden stört. Die italienische Volksfrömmigkeit ist immun gegen solche Widersprüche.

Padre Pio ist heute in Italien zu einer Autorität geworden, die jeder kennt und kaum jemand wagt es, sie öffentlich zu hinterfragen. Schon gar nicht in der Politik, die ja schließlich von Wählerstimmen lebt.
Brockhaus.de

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