Reise nach Italien - Italienische Geschichte

Italien im 1. Weltkrieg


 Italienische Gefallene nach der Schlacht am Monte Ortigara (1917)
Foto: 
Unbekannter Autor

Italien vor dem ersten Weltkrieg:

Italien war, ähnlich wie Deutschland, im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten erst sehr spät zu einer politischen Einheit gelangt: Italien im Jahr 1861 (siehe dazu den Artikel über die italienische Einigung), Deutschland im Jahr 1871. Im Gegensatz zu Deutschland, das in der Zeit von der Einigung bis zum 1. Weltkrieg einen Wirtschaftsboom ohnegleichen erlebte, hatte Italien mit großen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Industrialisierung kam nur schleppend voran und die Armut eines großen Teils der Bevölkerung, von der 1861 über 75 % Analphabeten waren, führte zu einer Massenauswanderung, vor allem in die USA.

Außenpolitisch versuchten die italienischen Regierungen jener Zeit - mit mäßigem Erfolg - an der kolonialen Aufteilung Afrikas teilzunehmen. In den blutigen Kolonialkriegen in Eritrea, Somalien und in Libyen (1880-1912) konnte Italien zwar eigene Kolonien gründen, musste das aber, wegen der hohen Kosten und den damit verbundenen Sparmaßnahmen, mit starken sozialen Unruhen und finanziellen und politischen Krisen im Inland bezahlen.
Äthiopien 1886
Die Schlacht von Adua (Äthiopien 1896), bei der die äthiopische Armee den italienischen Invasionstruppen
eine empfindliche Niederlage bereitete.
Englische Gravur, 
Autor unbekannt

Die imperialistischen Bestrebungen führten vor allem zwischen England, Frankreich und Deutschland zu immer stärkeren Spannungen und zu einem nie dagewesenen Wettrüsten, vor allem im Flottenbau. Dazu kamen nationalistische Spannungen, vor allem auf der Balkanhalbinsel, die sich mehr als einmal in kleinen kriegerischen Auseinandersetzungen entluden. In den letzten Jahren vor 1914 wurde schließlich der "große" Krieg immer wahrscheinlicher, auch weil die öffentliche Meinung auf allen Seiten immer stärker durch nationalistische Hetze vergiftet wurde. Überall glaubte man Rechnungen mit den Nachbarländern offen zu haben, die nur mit Blut und Eisen zu begleichen wären. Das Attentat von Sarajevo, bei dem der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie von einem serbischen Attentäter erschossen wurden, bildete schließlich den willkommenen Anlass für diejenigen, die nur darauf warten, den Krieg vom Zaun zu brechen.
Sarajevo 1914
Sarajevo, 8. Juni 1914: der Erzherzog Francesco Ferdinando und seine Frau Sofia
wurden von einem serbischen Attentäter erschossen. Ein willkommener Anlass für diejenigen,
die nur darauf warteten, den Krieg vom Zaun zu brechen.
Zeichnung (1914) in einer österreichischen Zeitung,  
Autor unbekannt

1914 - der erste Weltkrieg bricht aus, aber Italien bleibt zunächst neutral:

Im Jahr 1914, zu Beginn des Krieges, war Italien in ein Militärbündnis (dem 1882 abgeschlossenen "Dreibund") mit Deutschland und Österreich eingebunden und man erwartete deshalb, dass sich Italien dem Krieg auf der Seite dieser Bündnispartner (den "Mittelmächten") anschließen würde. Aber die italienische Regierung zögerte und formal gesehen war Italien auch nicht gezwungen einzugreifen: der Vertrag sah vor, dass Italien Österreich militärisch zu Hilfe kommen sollte, wenn dieses von außen angegriffen würde. Aber das war 1914 nicht der Fall, es war Österreich gewesen, das Serbien angegriffen hatte. Außerdem war Italien militärisch absolut unvorbereitet und die öffentliche Meinung Italiens war, im Gegensatz zu der der anderen kriegführenden Staaten, nicht sehr kriegsbegeistert.

Der eigentliche Grund für die abwartende Haltung Italiens war jedoch ein anderer: Italien erwartete sich von einer Kriegsteilnahme eine angemessene Belohnung. Nach einem siegreichen Ende des Krieges wollte Italien konkrete Gebietserweiterungen zugesprochen bekommen: das Trentino im Norden und die Stadt Triest im Nordosten; beide Regionen waren damals noch ein Teil des Habsburgerreichs. In Triest gab es eine italienische Bevölkerungsmehrheit und eine schon seit Jahren sehr aktive und starke Bewegung pro-Italien, im Trentino dagegen war die große Mehrheit der Bevölkerung gegen einen Anschluss an Italien, obwohl auch hier viele Italiener lebten. Beide Regionen wurden jedenfalls von den italienischen Nationalisten als noch "unerlöste" Teile des italienischen Einigungsprozesses betrachtet und als Kriegsbeute reklamiert.

Österreich weigerte sich allerdings, diese Bedingung zu akzeptieren und so trat ein Teil der italienischen Regierung in Geheimverhandlungen mit England und Frankreich (der "Entente"), um vielleicht an deren Seite zu den erhofften Gebietserweiterungen zu kommen. In der Zeit von 1914 bis 1915 wurde die Propaganda der "Interventisten", die auf einen Kriegseintritt auf Seiten der Entente drängten, immer stärker und aggressiver. Besonders hervor taten sich dabei der Dichter (und Österreich-Hasser) Gabriele D'Annunzio und der damals noch junge Benito Mussolini, der gerade in jenem Jahr vom internationalistisch gesinnten Sozialisten zum fanatisch-nationalistischen Faschisten mutierte.

Die Mächte der Entente waren natürlich den territorialen Expansionswünschen Italiens von Anfang an weitaus aufgeschlossener als Österreich und so trat Italien am 23. Mai 1915 an ihrer Seite in den Krieg ein.

Der Alpenkrieg zwischen Österreich und Italien
links:  italienische Soldaten beim Aufstieg auf einen Berg, Foto:
Bibliothèque nationale de France
rechts:  österreichische Infanteristen an der Tiroler Front, Foto:  Kriegsarchiv Wien

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1915 bis 1918 - der zermürbende Stellungskrieg gegen Österreich:

Obwohl Italien in den ersten Monaten nach dem Kriegseintritt fieberhaft aufrüstete und die anti-österreichische Propaganda immer heftiger und lautstarker wurde, war die militärische und psychologische Vorbereitung auf den Krieg in keiner Weise ausreichend. Die Illusion eines schnell zu gewinnenden Krieges führte auch zu völlig unsinnigen militärischen Planungen: so glaubte man anfangs tatsächlich, in wenigen Wochen bis nach Wien vorstoßen zu können.

Aber die glorreichen Phantasien eines siegreichen Angriffskrieges blieben schon nach wenigen Wochen im schmutzigen Alltag der Schützengräben stecken. Insgesamt war die Frontlinie zwischen Italien und Österreich, die zwischen der Schweiz und der Adria verlief und sich im Wesentlichen mit der gemeinsamen Grenze deckte, in der Luftlinie ca. 600 km lang. Ein Großteil der Front lag allerdings im Hochgebirge, deshalb müssen in Wirklichkeit noch mehrere hundert Kilometer dazugerechnet werden. Der zermürbende Alpenkrieg zwischen Italien und Österreich zog sich über drei lange Jahre hin, ohne dass eine der beiden Seiten irgendeinen wesentlichen Vorteil erzielen konnte. Im Unterschied zur West- und Ostfront des ersten Weltkrieges verliefen die Frontlinien zwischen Österreich und Italien überwiegend im Gebirge, oft in Schnee und Eis in mehreren tausend Metern Höhe. In 15 blutigen Schlachten (12 in der Nähe des Isonzo-Flusses und 3 am Piave-Fluss) starben auf beiden Seiten zusammengenommen fast 1 Million Soldaten. Wenn eine Seite in einer zwei bis drei Wochen dauernden Schlacht dem Feind einige Kilometer entreißen konnte, war es so gut wie sicher, dass dieser kleine Erfolg, der in der Regel zwischen 50.000 und 100.000 Tote kostete, bei der nächsten Schlacht zu einem ähnlichen Blutpreis wieder verloren ging.

Im Oktober 1917 waren beide kriegführenden Parteien dem Sieg genauso weit entfernt wie im Mai 1915, zu Beginn der Kampfhandlungen. Erst ein gut vorbereiteteter, massiver Überraschungsangriff deutsch-österreichischer Truppen bei Caporetto im Oktober 1917 ließ die italienische Front zum ersten Mal zusammenbrechen, die gesamte Region Friuli musste aufgegeben werden und die Italiener zogen sich bis an den Fluss Piave zurück.

Aber auch die österreichischen Soldaten hatten unter den zermürbenden Jahren des Stellungskrieges in den Alpen gelitten und außerdem wurde die Versorgung der Armee an Lebensmitteln immer kritischer. In dieser Phase des Krieges starben tausende von Soldaten nicht nur im Kampf, sondern auch an Hunger, an Schwäche, an der Kälte und an den Folgen der verheerenden Epidemie der "spanischen Grippe", die im Jahr 1918 Soldaten wie Zivilbevölkerung gleichermaßen dezimierte. So konnte auch der Sieg bei Caporetto keine entscheidende Wendung für die Mittelmächte bringen. Im Gegenteil: Nachdem die italienischen Truppen neu organisiert worden waren, und die miltärische Unterstützung durch England, Frankreich und die USA anlief, wurde im Oktober 1918 bei Vittorio Veneto eine Gegenoffensive gestartet, die jetzt auf eine inzwischen weitgehend demoralisierte und in Auflösung befindliche österreichische Armee traf und so schließlich zu einem "Sieg", zur Kapitulation der österreichischen Armee und damit zum Zusammenbruch des Habsburgerreiches führte.

Zwischen 1915 und 1918 hatte Italien insgesamt 5,6 Millionen Soldaten mobilisiert, am Ende waren 650.000 Tote zu beklagen und 950.000 Verletzte, von denen noch einige Zehntausende in den Jahren danach den Verletzungen erlagen. Die Verluste auf österreichischer Seite beliefen sich (an der Italienfront) auf etwa 300.000 Soldaten. Eines der vielen sinnlosen Massaker des 20. Jahrhunderts.

Österreichische Soldaten in einem italienischen Gefangenenlager
Foto: 
Unbekannter Autor

Die Konsequenzen des 1. Weltkriegs für Italien:

Italien war auf der Seite der Gewinner und bekam jetzt nicht nur die Stadt Triest und das Trentino, sondern auch Südtirol (wo die Mehrheit deutschsprachig war) und Istrien (mit einer starken Minderheit von Slaven) zugesprochen. Aber Italien wollte mehr, und zwar die strategisch wichtige Hafenstadt Rijeka (italienisch Fiume) und Teile der dalmatischen Küste, was die anderen Siegermächte jedoch verweigerten.

Was in Deutschland die "Dolchstoßlegende" war (die Theorie, dass das auf dem Schlachtfeld ungeschlagene Heer von den Politikern im Heimatland einen Dolchstoß in den Rücken bekam), wurde jetzt in Italien der "vittoria mutilata", der Sieg Italiens, der von den Verbündeten verstümmelt worden war. Die italienischen Nationalisten waren empört und die faschistische Bewegung Mussolinis nährte diese Empörung nach Kräften. Triest, Istrien und Dalmatien wurden für die nächsten Jahrzehnte zum ewigen Streitapfel, dem noch Hunderte von Italienern, Kroaten und Slowenen zum Opfer fallen sollten.

Aber auch das neugewonnene Südtirol mit seiner deutschsprachigen Mehrheit machte Italien bis in die 60er und 70er Jahre reichlich Ärger, aber das ist eine andere (nicht sehr ruhmreiche) Geschichte. Mehr dazu in diesem Artikel.

Siehe auch:

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