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Wer sind eigentlich "die Italiener"?

Oder besser gefragt: "Wie wurden die Italiener zu dem Volk gemacht, das sie heute sind?"
Einige Überlegungen über die nationale Identität der Italiener.

Offizielles Logo der Feierlichkeiten zum 150jährigen Bestehen
Italiens als Einheitsstaat (2011)

"Italien ist nur ein geographischer Begriff" (Klemens von Metternich)

Es mag paradox erscheinen, aber als im Jahre 1861 mit der Gründung des Königreichs Italien die Einheit Italiens erreicht wurde, war von den "Italienern" noch nicht viel vorhanden. Es gab zwar Sizilianer, Römer, Neapolitaner, Toskaner, Lombarden, Venezianer und Piemontesen, sie alle zusammen als "Italiener" zu bezeichnen, das fiel den Zeitgenossen Garibaldis allerdings noch schwer.

Der österreichische Fürst Klemens von Metternich hatte schon einige Jahre vorher behauptet, dass Italien "nur ein geographischer Begriff" sei und hatte damit nicht nur die politische Zersplitterung der Halbinsel vor der Einigung gemeint, sondern auch die unübersehbaren - und für viele unüberbrückbaren - Unterschiede in Sprache, Mentalität und Traditionen zwischen den Einwohnern von Turin, Venedig, Florenz, Rom und Palermo.

Und Massimo d'Azeglio, einer der Protagonisten der italienischen Einigungsbewegung, brachte es nach 1861 auf den Punkt, als er sagte: "Nachdem Italien geschaffen wurde, müssen jetzt die Italiener geschaffen werden". Keine einfache Aufgabe, denn von den 23 Millionen Einwohnern, die Italien damals hatte, sprachen und verstanden weniger als die Hälfte Italienisch, Lombarden und Sizilianer hatten enorme Verständigungsschwierigkeiten miteinender und 78% der damaligen "Italiener" konnten weder lesen noch schreiben.

Worauf basierte die italienische Einheitsbewegung?

Ein Vergleich mit Deutschland macht die Unterschiede klar: Auch Deutschland ist erst sehr spät (1871) national geeinigt worden. Aber im Gegensatz zu Italien existierte in Deutschland schon seit den napoleonischen Kriegen am Anfang des 19. Jahrhunderts ein Nationalbewusstsein, das in breiten Schichten der Bevölkerung stark verwurzelt war. In Italien war dieses Nationalbewusstsein nur in einer kleinen intellektuellen Elite vorhanden, die sich auf die Schaffung der einheitlichen italienischen Literatursprache durch Dante, Petrarca und Boccaccio berief und auf die Kultur der Renaissance, deren Hauptvertreter wie Raffaello, Michelangelo und Leonardo da Vinci in ganz Europa berühmt waren. Auch das Papsttum, das über Jahrhunderte eine religiöse und politische Macht in Italien darstellte, war ein Teil der nationalen Wurzeln, auf die sich einige Vertreter des "Risorgimento", der italienischen Nationalbewegung, beriefen - obwohl deren antiklerikaler Flügel, der im Papst eher ein Hindernis für die italienische Einigung sah, wesentlich einflussreicher war.
Porta Pia 1870
Die Einnahme von Rom durch italienische Truppen (September 1870),
einer der Höhepunkte der italienischen Einheitsbewegung
Zeitgenössisches Gemälde
Es waren also hauptsächlich kulturelle Gemeinsamkeiten, die die Protagonisten des Risorgimento inspirierten, Ideen, die sich allerdings unweigerlich mit ökonomischen und machtpolitischen Überlegungen vermischten. Die Einigung Italiens war nämlich in Wirklichkeit eine Reihe von miltärischen Eroberungen der italienischen Regionen durch das Königreich Sardinien/Piemont, die dann nachträglich durch Volksabstimmungen legalisierte wurden. Was diese Eroberungen realtiv leicht machte, war weniger das Bewusstsein einer nationalen Identität, sondern eher der Freiheitswille gegenüber ausländischer Besatzung und der Ruf nach demokratischen und sozialen Reformen - in Süditalien gegenüber der Borbonenherrschaft, in Mittelitalien gegenüber dem Vatikanstaat und in Norditalien gegenüber Österreich. Ein italienisches Nationalbewusstsein war bei der Gründung Italiens in großen Teilen der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung kaum vorhanden.

Als die erhofften demokratischen und sozialen Reformen dann ausblieben und als die neuen Herren aus Norditalien sich im eroberten Süden ebenso arrogant aufführten wie die alten, drohte das eben vereinte Italien schon nach wenigen Jahren wieder auseinanderzubrechen. Nur hartes militärisches Eingreifen und ein sehr zentralistisch organisierter Staatsapparat konnte die zerbrechliche Einheit zusammenhalten.
Siehe dazu auch: Die italienische Einheit

Was hat die Italiener dann doch geeint?

Der erste wichtige Faktor, der die Italiener vereinte und zu dem Volk machte, das sie heute sind, war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die nicht nur den Analphabetismus stark reduzierte, sondern auch gesamtitalienische Ideale vermittelte. Ebenso wichtig war die allgemeine Wehrpflicht, die junge Männer aus den verschiedensten Teilen Italiens in den Kasernen des neugeschaffenen Königreichs zusammenführte. Die öffentlichen Feiertage, die bis zur Einigung Italiens fast ausschließlich religiösen Charakter hatten, wurden gezielt durch nationale Feiertage ergänzt, bei denen die Helden des Risorgimento und die wichtigsten Ereignisse der Einheitsbewegung gefeiert wurden.
Patriotisches Kinderspielzeug
Kriegsspielzeug zur patriotischen Erziehung der Kinder
Gemälde (1862) von
Gioacchino Toma

Der erste Weltkrieg und Mussolini

Während des ersten Weltkrieges hatte Italien insgesamt 5,6 Millionen Soldaten mobilisiert, am Ende waren 650.000 Tote zu beklagen und etwa 950.000 Verletzte. Das gemeinsame Erleben und Erleiden der sinnlosen, aber äußerst blutigen Schlachten, der gemeinsame tägliche Kampf ums Überleben im Schützengraben hat Nord- und Süditaliener zweifellos einander näher gebracht und es war bezeichnenderweise kein großer Sieg, sondern eine vernichtende Niederlage - die von Caporetto - die Italien im Bewusstsein seiner Bürger mit einem Schlag als eine Nation erscheinen ließ.
Siehe dazu auch: Italien im 1. Weltkrieg

Der pathetische Nationalismus von Mussolini, der in der Zwischenkriegszeit Italien wieder zur Macht und zur Größe des römischen Reiches zurückbringen wollte, hat dagegen relativ wenige Spuren im Bewusstsein der Italiener hinterlassen. wohl auch, weil er schon 1943, zwei Jahre vor Ende des zweiten Weltkrieges, ziemlich erbärmlich scheiterte. Der Begriff "Patria" (Vaterland) hatte dagegen in der Resistenza, dem bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges, eine erheblich stärkere einigende Kraft. Auch heute noch steht die Resistenza bei den meisten Italienern in hohem Ansehen.
Siehe dazu auch: Benito Mussolini
Italienisches Fernsehen
In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als das italienische Fernsehen mit der Ausstrahlung von regelmäßigen Programmen begann, versammelten sich die Menschen in den Kinos, um die beliebtesten Sendungen gemeinsam zu sehen.
Foto:
Twice25

Die Allmacht des Fernsehens

Worin alle pädagogischen Bemühungen italienischer Kultus- und Erziehungsminister nur wenig anrichten konnten, was auch die Kriege und der italienische Faschismus nur unvollkommen schafften, das gelang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Allmacht des Fernsehens spielend: selbst in den abgelegendsten Dörfern hielt die italienische Hochsprache Einzug und die Fernsehnachrichten, die Quizsendungen, die Talkshows und die zahlreichen Seifenopern diktierten immer mehr die Themen, über die im ganzen Land in der Mittagspause und abends an der Bar debattiert wurde. Dass heute 58 Millionen Italiener die italienische Sprache verstehen - auch wenn viele beim Sprechen dann doch wieder den traditionellen lokalen Dialekt vorziehen - das ist zweifellos ein Verdienst des Fernsehens.

Die Italiener heute

Sind also die Italiener heute ein einiges Volk? Keineswegs. Die das ganze Land durchziehenden Stürme der Begeisterung und die rot-weiß-grünen Fahnenmeere, die das Land dominieren, wenn die italienische Fußballnationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewonnen hat, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Norditaliener immer noch von der Mauer träumen, die sie vom verhassten Süditalien trennen soll und dass sich viele immer noch in ersten Linie als Sizilianer, Römer, Lombarden oder Venezianer fühlen und erst in zweiter Linie als Italiener.

Wie auch in anderen Ländern Europas hat die wirtschaftlich Krise die alten Sprengstoffe, die zwar nie entschärft waren, aber doch scheinbar weniger gefährlich erschienen, wieder neu entzündet. Der im Vergleich zum Süden wohlhabende Norden will seinen Reichtum nicht mehr mit anderen teilen und der traditionelle Graben, der die Italiener - auch aufgrund ihres ausgeprägten Individualismus - schon immer von ihrem Staat trennte, ist heute vielleicht tiefer denn je.

Die Aufgabe, "die Italiener zu schaffen" die Massimo d'Azeglio vor über 150 Jahren als wichtigste Aufgabe des italienischen Staates sah, kann noch lange nicht zu den Akten gelegt werden. Und es liegt nicht nur an den Italienern, auch der Staat selbst ist nicht unschuldig daran, dass "seine" Bürger so viele Schwierigkeiten miteinander und mit Italien als Nation haben.
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