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Links: der Sieger - rechts: der Verlierer
Das Wahlverhalten
der Italiener zu verstehen, ist nicht ganz einfach. Offensichtlich stört es sie
gar nicht, wenn der Ministerpräsident gleichzeitig der Chef des größten
Medienkonzerns (inklusive 3 Fernsehkanäle) ist, wenn er und seine engsten
Mitarbeiter zahlreiche Prozesse wegen Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung,
Korruption von Finanzbeamten und Richtern hinter sich haben, aus denen sie meist
nur "sauber" hervorgegangen sind, weil die Tatbestände verjährt waren (ein guter
Anwalt garantiert in Italien vor allem, dass sich ein Prozess so lang wie
möglich hinzieht) oder weil Berlusconi selbst Gesetze erlassen hat, die "seine"
Straftatbestände und die seiner Freunde depenalisiert haben. Es stört sie nicht,
wenn Berlusconi bekannte Mafia-Kriminelle als "Helden" bezeichnet, weil sie sich
vor Gericht geweigert haben, gegen ihn auszusagen und viele finden es normal,
wenn er im Wahlkampf allen Ernstes einen "psychologischen Eignungstest" für
Richter vorschlägt. Die Vorschläge, allgemein die Steuern zu senken und die
Autosteuer und die kommunale Steuer auf die Eigentumswohnungen ganz abzuschaffen,
ziehen offensichtlich allemal mehr und machen alles andere zu verzeihlichen
Kavaliersdelikten.
Wie dem auch sei, Berlusconi hat es wieder einmal geschafft, eine Mehrheit der
Italiener zu überzeugen und so wird er (wieder einmal) Ministerpräsident von
Italien.
Die italienische Parteienlandschaft
Eigentlich
wird in Italien alle 5 Jahre ein neues Parlament gewählt. Seit 1992, d.h. in
den letzten 16 Jahren, waren dies allerdings schon die sechsten
Parlamentswahlen und jedes mal waren die Parteien, die sich zu den Wahlen
präsentierten, andere. Zusammenschlüsse, Spaltungen, wechselnde
Wahlbündnisse, Neugründungen und Namensänderungen von Parteien waren und
sind an der Tagesordnung. Einige Parteien (auch große) verschwanden sang-
und klanglos von der Bildfläche und tauchten kurz danach in anderer Form
wieder auf. Die italienische Parteienlandschaft ist in ständiger Bewegung, die beteiligten
Politiker sind dagegen fast immer die gleichen. Das macht Vergleiche
zwischen den Ergebnissen der verschiedenen Wahlen nicht ganz einfach.
Mehr zu den italienischen Parteien erfahren Sie
auf dieser Seite.
Das Wahlergebnis vom 13./14. April 2008
Die beiden großen Koalitionen, die 2006 und 2008 zur Wahl antraten, sind deshalb
auch verschieden: Die Berlusconi-Koalition von 2006 setzte
sich aus 7 Parteien zusammen, dieses Mal waren es nur 4
Parteien. Die Koalition von 2008 ist etwas homogener, aber stärker nach rechts
tendierend als die von 2006.
Die Koalition von Silvio Berlusconi:
-
"Forza Italia" von Silvio Berlusconi
-
"Alleanza Nazionale" von
Gianfranco Fini
(die beiden Parteien von Berlusconi und Fini sind das Wahlbündnis "Popolo
della Libertà" eingegangen)
-
"Lega Nord" von Umberto Bossi
-
die kleine sizilianische
Regional-Partei MPA.
Noch größer ist der Unterschied in der Mitte-Links-Koalition, die
sich 2006 aus sage und schreibe 9 Parteien zusammensetzte, im Jahr 2008 dagegen nur aus 2. Während die Koalition von
2006 von der katholischen Mitte bis zur radikalen Linken reichte, ist die Mitte-Links-Koaltion von 2008 homogener, sie ist eher sozialdemokratisch
orientiert.
Die Koalition von Walter Veltroni:
Das offizielle Wahlergebnis für die erste Parlamentskammer ("la
Camera"):
|
Parteienbündnis |
%
(2008) |
%
(2006) |
Sitze
(2008) |
Sitze
(2006) |
Koaltion
Mitte/Rechts
2006: Silvio Berlusconi
2008: Silvio Berlusconi |
46,8 |
49,7 |
344 |
281 |
|
Koalition
Mitte/Links
2006: Romano Prodi
2008: Walter Veltroni |
37,6 |
49,8 |
246 |
348 |
|
| UDC |
5,6 |
in der
Koalition
Berlusconi |
36 |
in der
Koalition
Berlusconi |
|
| Verdi / Sinistra |
3,1 |
in der
Koalition
Prodi |
0 |
in der
Koalition
Prodi |
|
Altri
zum größten Teil Parteien, die 2006 in den
beiden Koalitionen integriert waren |
6,9 |
0,3 |
4 |
1 |
Das Ergebnis der zweiten Kammer ("il Senato")
ist prozentual im wesentlichen identisch mit dem der
ersten Kammer.
Was ist passiert zwischen 2006 und 2008?
Die unmögliche Mammut-Koalition von Prodi, die es 2006 immerhin
auf 49,8% brachte, stand von vorneherein unter keinem guten Stern. Neun Parteien
im Zaum zu halten, von der katholischen Mitte bis zur radikalen Linken, ist eine
Sisyphusarbeit (siehe auch den Artikel zu
den Parlamentswahlen 2006). Schließlich ist Prodi auch daran
gescheitert, dass eine der 9 Parteien, die in ständigem Streit mit anderen der
Koalition war, aus der Regierung ausscherte. Dass eine solche zusammengewürfelte Regierungsmehrheit keine kohärente Politik betreiben kann, ist
ebenfalls nicht schwer zu verstehen. So hatte die Opposition unter der Führung
von Berlusconi ein leichtes Spiel und am Ende sah die Regierungskoalition nicht
sehr gut aus.
Die Bedeutung des Wahlergebnisses 2008
Wie auch immer man das Wahlergebnis beurteilt, die meisten
Beobachter (auch die aus dem Ausland) sind sich darin einig, dass die 4%-Hürde
für die erste Parlamentskammer und die 8%-Klausel für die zweite eine erhebliche
Vereinfachung des politischen Spektrums gebracht hat. Die radikale Linke und die
Grünen, die
zusammen kandidiert haben, sind in keiner der beiden Kammern mehr
vertreten. Ebenso ist die extreme Rechte draußen, obwohl einige von ihnen in
letzter Minute auf den Zug des wahrscheinlichen Siegers Berlusconi aufgesprungen
sind. Ob allerdings das Verschwinden der Grünen für die italienische Politik von Vorteil
ist, ist zweifelhaft: die ökologischen Probleme Italiens sind enorm. Und ob die
geringere Zahl der Parteien das Regierungsgeschäft für Berlusconi entscheidend
vereinfachen wird, ist noch gar nicht so sicher, denn der massive Stimmengewinn
der "Lega Nord" wird Berlusconi noch zu schaffen machen. Das könnte für ihn zu einem schwer verdaulichen Brocken werden...
Das Risiko
Ein großes Risiko, von dem jedoch bei der Wahlanalyse kaum jemand spricht, ist die
steigende, um sich greifende Politikerverdrossenheit, von der dieses Mal vor allem die Lega Nord profitiert
hat und die vor allem der Veltroni-Koalition, den Grünen und den Linksparteien geschadet hat. Die Wahlbeteiligung liegt zwar immer noch bei
80%, ist aber um etwa 3,5% zurückgegangen und auch die Zahl der ungültigen oder
leeren Stimmzettel ist gestiegen (jetzt ca. 3,5%). Die Partei des ex-Staatsanwalts Antonio Di Pietro (ein
geschworener Berlusconi-Feind) hat ihre Stimmen verdoppelt. Auch das passt in
diese Tendenz, denn auch diese Stimmen sind zum großen Teil Proteststimmen. Der Blog des als Anti-Politikers verschrienen Beppe Grillo ist
eine der meistbesuchten Internetseiten Italiens und die Bücher über die
"Politikerkaste" haben reißenden Absatz, vom noblen Buchladen bis zum
Supermarkt. Die italienischen Politiker
aller Richtungen sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ein einmal
verlorenes Vertrauen ist sehr schwer wieder zurückzugewinnen.
Berlusconi und die Geschichte...
Berlusconi vergleicht sich gelegentlich mit Napoleon, ob im
Scherz oder nicht, das ist nicht so ganz klar. Er will, und das meint er
allerdings im Ernst, in die Geschichte eingehen. Wahrscheinlich wird er das
auch, fragt sich nur, zusammen mit wem er da aufgezählt sein wird. Aber
vielleicht ist ihm das sogar egal.
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