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Ein Spaziergang durch Neapel, die Hauptstadt Kampaniens.
Artikel von Erika Mager, die lange Zeit dort gelebt hat. ![]()
Es ist neun Uhr morgens und Neapel liegt mir zu Füßen. Die Morgensonne liegt
auf dem Posillipo und wärmt freundlich die beiden Zeitreisenden durch die
Geschichte der Stadt Neapels, die an diesem Januarmorgen das Herz Partenopes
suchen. Ich habe einen kundigen Führer zur Seite, der sich schon seit vielen
Jahren mit der Stadt beschäftigt hat, und der mir den freundlich-chaotischen
Koloss näher bringen will.
Da unten liegt sie, die wimmelnde Großstadt, eingezwängt zwischen die Hügel des Vomero und dem Meer. Wo das Castel dell'Ovo im Wasser zu schwimmen scheint und auf dem Felsen (Pizzo Falcone) gegenüber, hat alles angefangen. Etwa im 8. Jahrhundert vor Christus gründeten Griechen dort eine Stadt und nannten sie Partenope. Nach dem Krieg mit den Etruskern konnten die Griechen aus dem nahen Cumae, welches die erste griechische Siedlung auf dem Festland war, nach dem sie schon lange auf Ischia und Procida ansässig waren, zwar die Oberhand behalten - jedoch war Cuma so zerstört und geschwächt, dass man sich unweit der alten Stadt, nun Paleopolis genannt, ansiedelte. - Neapolis, die neue Stadt, wurde gegründet. Nach heimatlichem Vorbild legte man etwa 470 v. Chr. ein regelmäßiges Straßennetz an, welches noch heute das Bild der Altstadt Neapel bildet. Drei Decumani verlaufen in Nord-Südrichtung und werden von circa zwanzig Cardines in ostwestlicher Richtung geschnitten. Die Besiedelung der Stadt nimmt im Laufe der Jahrhunderte das ganze Tal ein, bis hinauf auf den Vomero, die Hänge des Vesuvs und machte zuletzt nicht einmal Halt vor dem schönen Posillipo, der mittlerweile auch bis auf den letzten Meter vielstöckig bebaut ist. - Einst ein Ort der Ruhe, Erquickung und Meditation (Pausilypon (griech.) = ohne Schmerzen), ist er selbst heute noch von atemberaubender Schönheit. Erst relativ spät, im 18. Jh., ließ Karl III. das Ufer vor der Riviera di Chiaia aufschütten und die Villa Reale anlegen, der Park, der heute zur Vorzeigegrünfläche, der Villa Comunale, geworden ist. Zu allerletzt und aus der Not der Verkehrs- und Bevölkerungsdichte heraus , wurde die Straße direkt am Ufer, vor dem Park und zwischen Castel dell'Ovo und Pizzo Falcone gebaut. Man muss bedenken, dass Neapel Europas dichtbesiedelste Großstadt mit den wenigsten Grünflächen ist. Bevor es jedoch so weit war, kamen erst die Römer, dann die Normannen und später die Spanier und wurden die Herren der Stadt. Direkt an den Rand der Altstadt ließ der spanische Vizekönig Don Pedro de Toledo 1536 die Via Toledo anlegen. Jenseits davon ließ er Wohnungen für seine Soldaten errichten: das spanische Viertel, die Quartieri Spagnoli. Es heißt, er wäre bei der Verteilung der Wohnungen so vor gegangen: die Männer stellten sich auf einem Platz an der Via Toledo auf und mussten sodann auf Kommando loslaufen. Jeder bekam die Wohnung, die er zuerst besetzen konnte. Noch heute sagt man in Neapel: "Wer zuletzt kommt, wohnt schlecht."
Der Bus hält an der Via Toledo und hier endet auch der vogelperspektivische Überblick über die Stadt. Wir tauchen nun direkt mit der Nase in den alten Kern, der die Zeitläufte fast unbeschadet überstanden zu haben scheint. Mit der Nase? Nein - mit allen Sinnen muss man Neapel erfassen; das Gewimmel sehen, riechen, hören und begreifen. Ja, sogar die Füße tragen mit dazu bei, die Geschichte zu verstehen, wenn sie das Pflaster aus Pipernum betreten - den schwarzen Vulkanstein, mit dem so vieles hier erbaut wurde und einen schönen Kontrast zum Tuffgestein bildet, aus dem die Stadt ansonsten besteht. Es handelt sich dabei um Lavaasche vom Vesuv, von einem nachfolgenden Ausbruch überdeckt und unter hohem Druck und Hitze zu festem schwarzen Stein geworden. Auch für die so genannte Diamantquaderfassade der Kirche Gesu Nuovo, vor der wir mittlerweile stehen, wurde es verwendet. Diese, eigentlich in Florenz gebräuchliche Art der Fassadengestaltung, gibt es in Neapel nur hier und an einem Palazzo an der Via Toledo.
Wir schlüpfen nun am großen Turm der Kirche Santa Chiara vorbei in die Spaccanapoli ein, die unterste (inferiore) der drei alten Decumani. Eng und schnurgerade scheint sie Neapel zu spalten - daher der Name. Und nun sind wir umringt von Geschichte - als könnte jeder Stein sprechen. Ich muss mich beschränken, etwas aus der Vielfalt auszuwählen, so schwer es mir auch fällt.
Weiter geht es die Straße hinauf in den Innenhof der Monte di Pietà. Aus dieser barmherzigen Einrichtung für Opfern von Geldverleihern aus dem 16. Jh. geht die Banco di Napoli hervor, die hier noch immer ihren Stammsitz hat. Ein weiteres Kleinods Neapels liegt ein paar Straßenecken weiter. In der Via Francesco de Sanctis Nr. 19, etwas unscheinbar in einem normalen Wohnhaus, finden wir den Eingang zur Cappella Sansevero. Die kleine Familienkapelle derer von Sansevero wurde im 18. Jh. von Raimondo di Sangro, Prinz von Sansevero, geplant. Der relativ kleine, jedoch üppig ausgestattete Raum wirkt nahezu mystisch. Da der Prinz Mitglied der Freimauerer war, finden sich für den kundigen Betrachter eine Fülle von Freimaurersymbolik in den Kunstwerken und sogar auf dem Fußboden. Besonderer Anziehungspunkt der Kirche ist der Verhüllte Christus (Christo velato), der aus einem Marmorblock gehauen, auf dem Sarkophag in der Mitte der Kirche liegt. Wie durch einen Schleier sieht man den Körper hindurchscheinen - und bis heute gibt dieses Kunstwerk von Giuseppe Sanmartino (1720 -93) Anlass zu vielen Spekulationen. Ebenso phantastisch ist die Marmorfigur eines Onkels von Raimondo, der sich aus einem geknoteten Netz herauswindet. Auch dies ein Meisterwerk der Marmorbearbeitung, deren Ausführung man sich nicht recht erklären kann. Bevor wir die Kapelle verlassen, kommen wir durch die so genannte Krypta, in der hinter Glas zwei Skelette aufbewahrt werden, deren Adern- und Venengeflecht seit dem 18. Jh. vollständig erhalten geblieben ist. Auch dies unerklärlich. Alchemist und Wissenschaftler Raimondo di Sangro wird nachgesagt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen - und an manchen Abenden soll man ihn noch mit seiner sechsspännigen Kutsche über den Himmel des Golfs von Neapel geistern sehen können. Es ist inzwischen fast Mittag geworden, Zeit für einen zweistündigen Abstecher in Neapels "Unterwelt" (Napoli Sotterranea). Neben der Kirche San Paolo Maggiore ist einer der Eingänge, von denen geführte Besichtigungen des unterirdischen Neapels gemacht werden können. Da die Stadt schon immer aus dem Tuff, auf dem es steht, errichtet wurde, erstreckt sich unter der Stadt, wie ein riesiger Ameisenbau, ein ebenso faszinierendes und chaotisches Gänge- und Kanalsystem, wie darüber. Höhlen, Tunnel, Zisternen und Gänge, die teilweise bis in die ersten Anfänge der Stadt zurückreichen, gilt es zu entdecken.
Gehen, Schauen und Begreifen macht hungrig. Eine klassische Pizza guter neapolitanischer Qualität muss her. Direkt unter der Port'Alba, einem der alten Stadttore, werden wir fündig. Hier in guter Nachbarschaft mit Buchläden und kleinen, aber feinen Verlagshäusern, finden wir mit knapper Not einen Tisch "La vera Pizza Napoletana!". Leider haben wir sehr lange auf die Pizza warten müssen. Aber so konnten wir das bisher Erlebte noch einmal Revue passieren lassen und uns auf das Kommende vorbereiten. Als nächstes geht es wieder ein paar Stockwerke tiefer, diesmal unter die Kirche San Lorenzo Maggiore, wo sowohl Häuser und Strassen aus römischer als auch griechischer Zeit zu sehen sind. Im Kreuzgang des Klosters wird gerade das römische Macellum - der Markt - weiter ausgegraben. Dann steigt man in den Keller darunter und steht noch eine Etage tiefer in den Strassen des griechischen Neapolis mit Handwerkerhäusern. Die einzelnen Epochen kann man sehr schön an den verwendeten Steinen und ihrer Anwendung ablesen. Zum Abschluss dieses, an Eindrücken übervollen Tages, schauen wir uns Neapel noch einmal von ganz hoch oben an. Wir fahren mit dem Fahrstuhl auf die dreißigste Etage des Hotel Jolly, wo das Restaurant zu finden ist. Dort kann man den Ausblick auf ganz Neapel zu den normalen Essenszeiten genießen - oder auch außer der Reihe, wenn man die freundlichen Herren an der Rezeption zu überzeugen weiß, dass es für die deutsch-italienischen Beziehungen von ausgesprochener Wichtigkeit ist... :-) Text und Fotos: Erika Mager Hier die Homepage von Erika Mager: Brücke von Deutschland nach Italien Andere Beiträge von Erika Mager in 'www.reise-nach-italien.de': Die Seiten der Mitarbeiter Andere Seiten über Neapel: Auf der Suche nach NeapelWie nähert man sich Neapel? Wo fängt man an? In den eleganten Vierteln auf dem Posillipo, den urtümlichen Gässchen auf dem Vomero oder tief unten in den Straßenschluchten im spanischen Viertel? Gesichter Italiens: NeapelAuf seinen Reisen durch Italien hat Ulrich Schwendke Fotoimpressionen gesammelt, die die zahlreichen Gesichter Italiens, seine Landschaften und Kunstschätze, gut widerspiegeln. Unterkünfte in Neapel und Umgebung:Andere interessante Internet-Seiten:Wie ist das Wetter in Neapel?
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