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Italienische Geschichte
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Im Jahre 1870 ging durch eine Volksabstimmung der Kirchenstaat, die
tausendjährige weltliche Herrschaft des Papstes über einen großen Teil des
heutigen Italien, zu Ende. Wie fing alles an und warum endete es im 19.
Jahrundert so abrupt?
![]() Papst Julius II (1503-1513), Gemälde von Raffael Unter ihm erreichte der Kirchenstaat seine größte Macht und Ausdehnung Alle Fotos und Illustrationen auf dieser Seite: Wikipedia Wie fing alles an?
Reiche Leute besitzen oft ausgedehnte Ländereien. So auch der Bischof von
Rom, der bis zum 6. Jahrhundert durch Schenkungen und Aufkäufe zu einem der
größten Landbesitzer Mittelitaliens wurde.
Aber wie wird aus Landbesitz, so groß er auch sein mag, ein Staat? Im Mittelalter war das nicht so schwer: es genügten Geld (auch um Söldner anzuheuern), gute Beziehungen zu den anderen europäischen Mächten, das Gespür dafür, Widersprüche zwischen ihnen geschickt auszunutzen und das Talent, eine straffe innere Steuer- und Justizorganisation aufzubauen. Über all das verfügten die Päpste in der Zeit zwischen 400 und 800 n.Chr. in ausreichendem Maße. Worüber sie nicht verfügten, war eine juristische Grundlage, die die Existenzberechtigung des neuen Staates glaubwürdig machen konnte. Die gab es zwar nicht, wurde aber schnell gefunden. Im Mittelalter war es nämlich durchaus üblich, nützliche oder notwendige, aber nicht vorhandene Dokumente einfach zu fälschen und so machten es auch die Oberhäupter der Kirche. Unter Berufung auf eine angebliche Urkunde Kaiser Konstantins aus Jahren 315-317 (die allerdings erst im Jahr 800 produziert wurde), die sogenannte Konstantinische Schenkung, erhoben die Päpste Anspruch auf eine unabhängige geistliche und weltliche Landesherrschaft. Obwohl der Text dieser "Schenkung" im 15. Jh. durch den deutschen Theologen Nikolaus von Kues und den italienischen Humanisten Lorenzo Valla eindeutig als Fälschung entlarvt wurde, blieb sie jahrhundertelang Grundlage für den päpstlichen Herrschaftsanspruch in Italien. Der Kirchenstaat auf dem Höhepunkt der Macht
Unter Papst Julius II (1503-1513, siehe Foto oben) erreichte der
Kirchenstaat seine größte Macht und Ausdehnung. Die Päpste waren nicht nur
Oberhaupt der Kirche, sondern auch Territorialherrscher und als solche
verhielten sie sich genauso wie andere Könige und Kaiser der Zeit: sie
unterhielten ein Heer, führten Kriege, zogen Steuern ein, intrigierten gegen
Widersacher und ließen sie, wenn nötig, auch umbringen. Gelegentlich wurden
sie auch selbst gewaltsam beseitigt. Julius II zum Beispiel, der keinerlei
Hemmung hatte, seine Gegner mit allen Mitteln aus dem Weg zu räumen, wurde von Martin Luther
„Blutsäufer“ genannt. Die Päpste förderten die Künste und - im Unterschied
zu anderen aufgeklärteren Herrschern Europas - blockierten die
Wissenschaften, wo es nur ging. Im Prinzip unterschied sich aber der Kirchenstaat
kaum von anderen Territorialstaaten Europas. Die Päpste konnten zwar nicht
heiraten und keine Dynastien gründen, hatten aber dennoch gelegentlich Söhne
und Töchter und platzierten diese, wie es in Herrschergeschlechtern üblich
war, auf einflussreichen Machtposten innerhalb und außerhalb des eigenen
Staates. Natürlich waren nicht alle Päpste so machtbesessen wie der
berüchtigte Julius II, aber die machtpolitischen Interessen rangierten bei den
meisten Päpsten immer vor allen anderen.
Bis zu seinem Ende im Jahr 1870 spielte der Kirchenstaat in den politischen, diplomatischen und oft auch in den militärischen Auseinandersetzungen in Europa immer eine wesentliche Rolle. Die Päpste regierten, theologisch und weltlich, mit absolutistischer Macht und der Kirchenstaat diente der politisch-militärischen Absicherung ihrer Herrschaft. Alle einflussreichen politisch-administrativen Ämter innerhalb des Kirchenstaates waren für Geistliche reserviert und unterstanden direkt dem Papst. Dieser wurde (wie auch heute noch) von einem Kardinalskollegium gewählt, deshalb war der Kirchenstaat, formal gesehen, eine Wahlmonarchie. Die Ausdehnung des Kirchenstaates links:
Die Ausdehnung des Kirchenstaates im 18. und 19. Jahrhundert - ausgenommen
die Zeit 1809-1815, als der Kirchenstaat von Napoleon
aufgelöst und de facto an Frankreich angegliedert wurde.
Die Abkürzungen: Latium (mit Rom), Umbrien, Marken, Emilia Romagna. Im 16. und 17. Jh. gehörten auch Parma und Modena zum Kirchenstaat. Napoleon und die Folgen
Während der Herrschaft Napoleons über Europa wurde auch Italien politisch
tiefgreifend umgestaltet. Der Kirchenstaat verlor zunächst die nördlichen
Provinzen und wurde dann, im Jahr 1809, von Napoleon völlig aufgelöst. Rom
wurde ein französisches Departement und die anderen Teile des Kirchenstaates
wurden einem von Frankreich in Italien neu gegründeten Staat zugeteilt. Der
Papst, der sich diesen Beschlüssen widersetzte und über jeden, der an ihrer
Ausführung mitwirken würde, den Bann aussprach, wurde verhaftet und in
Frankreich interniert.
Erst der Wiener Kongress im Jahre 1815, der nach der Niederlage Napoleons die alte europäische Staatenordnung zum großen Teil restaurierte, stellte auch den Kirchenstaat in seinem alten Umfang wieder her. Aber der "neue" Kirchenstaat hatte viel von seiner früheren Stärke und Unabhängigkeit verloren. Jetzt war seine Existenz politisch und militärisch mehr als je zuvor vom Wohlwollen der anderen europäischen Mächte abhängig. Der erstarkenden italienischen Nationalbewegung war er nicht mehr gewachsen. ![]() Die militärische Einnahme Roms durch die italienischen Truppen im September 1870 besiegelte das Ende des Kirchenstaates (zeitgenössisches Gemälde) Das Ende des Kirchenstaates
Im 19. Jahrhundert bestand Italien, abgesehen vom Kirchenstaat,
noch aus fünf anderen kleinen Staaten, Norditalien stand außerdem zum großen
Teil unter österreichischer Herrschaft.
Die italienische Nationalbewewgung, die vom Königtum Sardinien/Piemont ausging und die Mitte des 19. Jahrhunderts immer stärker wurde, schaffte es bis zum Jahr 1870, fast ganz Italien zu vereinen, mit Ausnahme des Nordostens, der noch unter österreichischer Herrschaft stand und und des Kirchenstaates, der zwar durch den Abfall einiger Regionen schon stark zusammengeschrumpft war, aber immer noch Rom und die umgebene Region Latium beherrschte. Militärisch war er nicht stark genug, um gegen die Truppen des nun fast vereinten Italien standzuhalten, aber solange der Papst sich noch unter dem politischen und militärischen Schutz Frankreichs befand, konnte er standhalten. Den italienischen Nationalisten war der Kirchenstaat ein Dorn im Auge, sie wollten das vereinigte Italien natürlich von Rom aus regieren - zwischen 1860 und 1870 waren zunächst Turin und dann Florenz die Hauptstadt des neuen italienischen Königreichs. Die Gelegenheit, auch Rom endlich einzunehmen, bot sich 1870, als Frankreich durch den Krieg gegen Preußen stark geschwächt war und der Kirchenstaat nur noch auf die eigenen Soldaten zählen konnte. Die Eroberung Roms im September 1870 (siehe das zeitgenössische Gemälde oben) war so der letzte Akt der Vereinigung Italiens, die dann durch eine Volksabstimmung im ex-Kirchenstaat formell bestätigt wurde. Rom wurde so endlich die Hauptstadt des Königreichs Italiens, der Kirchenstaat existierte nicht mehr. Der Vatikanstaat - der Nachfolger des Kirchenstaates
Der heutige Vatikanstaat ist zwar der Nachfolger des Kirchenstaates, hat
aber dennoch wenig mit seinem mächtigen Vorgänger gemeinsam. Er ist, seit
den Lateranverträgen von 1929, auf das Territorum
unmittelbar um den Petersdom beschränkt (0,44 km2 und ca. 700 Einwohner).
Mehr über den Vatikanstaat: Der VatikanDer kleine Vatikanstaat, Nachfolger des tausendjährigen mächtigen Kirchenstaates, ist seit seiner Gründung im Jahr 1929 das spirituelle Zentrum der römisch-katholischen Kirche. Der Petersdom in Rom und die Vatikanischen Museen gehören zu den touristischen Hauptattraktionen der Stadt Rom. Mehr über die Vereinigung Italiens im 19. Jahrhundert: Die italienische EinheitAm 17. März 1861 wurde in Turin das "Königreich von Italien" ausgerufen; nach vielen Jahren von Krieg und Bürgerkrieg, Verschwörungen und Aufständen war der von vielen herbeigesehnte italienische Einheitsstaat endlich Realität geworden. Wie ist es dazu gekommen? Giuseppe GaribaldiIm Jahr 2011 wird Italien 150 Jahre alt. Hier das Portrait des Mannes, der zum Symbol der Einigung im Jahr 1861 wurde. Alle Seiten über die Geschichte Italiens:Kostenloser Newsletter:Inhaltsverzeichnisse (über 650 Seiten): |
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