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Vorurteile wie das über die unehrlichen und unzuverlässigen Italiener sterben nie aus. Ingolf Barth hat bei seinem Urlaub in der Toskana aber etwas ganz anderes erlebt. Hier erzählt er es und nebenbei bringt er uns das hübsche toskanische Städtchen Sorano und seine interessante Umgebung näher.

Den meisten deutschen Italienliebhabern wird es im Grunde klar sein, dass man mit Pauschalurteilen über "die Italiener" – gleichwie mit Generalisierungen aller Art – sehr vorsichtig sein sollte. Gewisse Vorurteile und Vorbehalte gegen ein fremdes Volk, das es für uns ja trotz unserer Liebe zu "Bella Italia" stets bleiben wird, halten sich jedoch sehr hartnäckig, z.B. dass die Italiener sich sehr gerne fremden Eigentums bedienen. Selbstverständlich wissen wir, dass beileibe nicht alle Italiener Betrüger oder Taschendiebe sind. Doch wir kennen alle die Urlaubsgeschichten, in denen brave deutsche Touristen ihres Fotoapparats oder ihrer Brieftasche entledigt wurden. Haben wir sie vielleicht nicht selbst erlebt, so kennen wir doch zumindest jemanden, dem solch ein Malheur passiert ist, oder einen, der einen kennt, dem…
Mir ist nun beim diesjährigen Urlaub – unserer Hochzeitsreise, um genau zu sein – eine solche Geschichte widerfahren, nur umgekehrt!

Nachdem meine Frau und ich die erste Woche unseres Toskana-Urlaubs in einer Ferienwohnung zwischen Siena und Arezzo verbracht hatten, bezogen wir in der zweiten Woche unser Domizil in der Nähe von Pitigliano. Ganz in der Nähe liegt ein ebenso bezauberndes Tuffstein-Dörfchen, Sorano genannt, das wir eines schönen Tages morgens besuchten.


Sorano, in der Nähe von Pitigliano
Alle Fotos auf dieser Seite: Ingolf Barth

Anschließend besichtigten wir die archäologische Ausgrabungsstätte "San Rocco" auf einem Sorano gegenüberliegenden Felsen, von dem aus man eine herrliche Aussicht auf das malerische Dörfchen hat.


Panoramablick auf Sorano

Sehr interessant sind auch die in den Tuffstein gehauenen Nekropole aus der Etruskerzeit, für die diese Gegend berühmt ist. Nach einem kurzen Picknick brechen wir von dort auf und besichtigen das archäologische Highlight der Gegend, die sog. „tomba Ildebranda“, das „Hildebrandsgrab“, das sich auf dem Gebiet einer etruskischen Nekropolis befindet, welche etwa 12 km von San Rocco entfernt liegt. Als ich ein Foto vom Hildebrandsgrab schießen möchte, merke ich, dass ich meinen Fotoapparat nicht dabei habe, denke mir aber nichts weiter dabei.


Etruskische Gräber

Nach der Besichtigung zahlreicher prunkvoll ausgestatteter Gräber und einer „via cava“ kehren wir zum Auto zurück und suchen nach unserem Fotoapparat – Fehlanzeige! Wäre es nicht möglich, dass wir ihn auf der Sitzbank in San Rocco nach unserem Picknick zurückgelassen haben? Da uns dies die plausibelste Erklärung zu sein scheint, kehren wir nun also nach San Rocco zurück und beschließen, arbeitsteilig zu suchen: meine Frau nimmt sich das Auto vor, ich den archäologischen Park; doch trotz aller Bemühungen (auch der Mülleimer, in dem ich zuvor leere Plastikflaschen entsorgt hatte, bleibt nicht verschont) können wir den Fotoapparat nicht ausfindig machen. Während meine Frau sich nochmals den Park vornimmt, (da ja die Gefahr bestehen könnte, dass ich aufgrund meines genetisch vorprogrammierten Tunnelblicks einfach nicht fähig war, das Gerät zu orten,) nehme ich mir noch mal das Auto vor (weil ich mich in dem Saustall einfach besser auskenne).

Nach einer ergebnislosen Suche gehe ich schließlich nochmals zu dem netten Italiener, der die Eintrittskarten verkauft. Er meint, bislang habe niemand etwas bei ihm abgegeben, aber da er gerade im Radio mit der italienischen Fechtmannschaft (bei Olympia) mitfieberte, könnte es durchaus sein, dass ihm ein potenzieller Dieb durch die Lappen gegangen sei. Ich versicherte ihm, dass ich mir einfach nicht vorstellen könnte, dass jemand eine Digicam der ersten Generation ernsthaft klauen würde. Schließlich meinte er, ich solle ihm meine Nummer hinterlassen, weil er den Park am nächsten Tag „reinigen“ müsse – und, wer weiß, vielleicht würde unser Fotoapparat ja irgendwo auftauchen. Dies tat ich dann auch, konnte mir aber nicht vorstellen, dass dies von großem Nutzen sein könnte. Stattdessen suchten wir nochmals den Parkplatz vor dem Hildbrandsgrab und die Ausgrabungsstätte selbst ab, aber ohne Erfolg!

Ziemlich niedergeschlagen, weil unsere Fotos futsch waren und weil wir den halben Tag mit der Suche zugebracht hatten, überlegten meine Frau und ich uns, wie wir mit der Situation umgehen sollten: Eigentlich sind Fotos ja sowieso nicht das entscheidende an einem Urlaub, sie verhindern vielmehr, dass man ja die eigentlich wichtigen Eindrücke in Erinnerung behält. Eigentlich ist unser Foto ja sowieso schon längst veraltet und ein Ärgernis ohnehin! Sollen wir uns also jetzt einen neuen kaufen oder unsere Flitterwochen einfach mit all unseren Sinnen genießen, befreit von der Last eines nervigen Fotos-müssen-sein-Diktats?

Unter diesen Vorzeichen endet also ein ereignisreicher Tag. Ebenso beginnt ein neuer, der uns in die umbrische Stadt Orvieto führt. Kaum sind wir dort angekommen, erreicht uns eine SMS: "Found it!" Überglücklich und mit dem Gefühl im Bauch, dass ein Verschwinden unseres Fotoapparats im Übrigen sehr unwahrscheinlich gewesen wäre, verbringen wir einen schönen Tag in Orvieto und am Bolsena-See, ehe wir San Rocco erneut einen Besuch abstatten. Bruno C., der dortige Wächter, hatte nicht nur unseren Apparat, sondern auch ein Handy im Angebot, das ich aber dankend ablehnte. Er erzählte mir, er sei am Vortag noch abends zur Polizei gegangen, die in Italien die Funktion unseres Fundamts erfüllt. Dort hätten freundliche Italiener unseren Fotoapparat und dieses Handy abgegeben – beides Fundstücke von San Rocco. Ich war so glücklich, unseren herzlich vermissten Fotoapparat wieder in Händen zu halten.


Bruno

Doch Bruno hatte noch einen Wunsch: Ich solle doch bitte in Deutschland irgendwo etwas veröffentlichen, das den zweifelhaften Ruf der Italiener gerade rückt. Er hatte nämlich gehört, dass viele Deutsche die Italiener für diebisch und unehrlich hielten; das täte ihm weh. Ich versprach es ihm und hielt mit ihm noch ein nettes Schwätzchen auf Italienglisch.

Lieber Bruno, liebe Finder unseres Fotoapparats, wir sind euch wirklich dankbar, dass ihr so ehrliche und nette Menschen seid und dass wir am eigenen Leib erfahren durften, dass es so tugendhafte Italiener gibt, die einem Vorurteil derart scharf widersprechen!

Text und Fotos:
Ingolf Barth - ingolfbarth@yahoo.de

Siehe auch:

Alle Seiten über Deutsche und Italiener
Glauben Sie, "die Italiener" zu kennen? Und sind Sie sich da ganz sicher? Vielleicht sollten Sie doch mal in diese Seiten reinschauen!
[Kapitel]
Alle Seiten über die Toskana
Die beliebteste Region Italiens, nicht nur bei der Toskanafraktion.
[Kapitel]
Alle Seiten über Deutsche und Italiener
Wie sind die Italiener? Urteile und Vorurteile zwischen Deutschen und Italienern. Deutsche in Italien - Italiener in Deutschland.
[Kapitel]
Die Artikel aller Mitarbeiter von "Reise nach Italien"
Wenn Sie etwas Interessantes zum Thema Italien zu sagen haben, könnte auch Ihr Name auf dieser Liste stehen.

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