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Eine deutsche Geschichte über Italien. Von Peter Petri.

Deutsche Geschichten über Italien gibt es viele, mehr als wir jemals werden lesen können, und meist steckt eine Sehnsucht dahinter. Italien ist das Land unserer teutonischen Träume. Vielleicht sollte ich mal von anderen Seiten Italiens schreiben. Keine Angst, es tauchen keine Mailänder Fabrikschornsteine auf aus dem Smog, auch die Mafia soll fehlen, genauso wie das politische Chaos (das uns doch irgendwie auch ein bisschen gefällt, geben wir es ruhig zu). Schauen wir lieber mal in den Alltag des Stiefels im Mittelmeer, dorthin, wo gerade die Zitronen nicht wachsen. Die Sehnsucht ist doch dann am schönsten, wenn sie sich nicht ganz erfüllt.

Schon als Knabe war ich das erste mal in Italien, es hatte vier Wochen nicht geregnet, und ich dachte noch viele Jahre, in Italien regnet es niemals. Oh, bitter habe ich mich getäuscht. In Italien regnet es statistisch gesehen mehr als in England. Gatti e Cani sozusagen. Und noch viele solcher Irrtümer sollten folgen. Sicher kennen Sie Sekundenkleber. Das ist das Zeug, das italienische Autofahrer an ihren vorderen Stoßstangen haben. Sie tippen Dich damit kurz an, Du merkst nicht mal was davon, und schon ziehst Du sie Dutzende von Kilometern hinter Dir her. Dazu muss man wissen, dass der Sprit in Italien ziemlich was kostet. An Überholen denken sie erst dann, wenn der Reiz übergroß wird: Zwei dicke, durchgestrichene Striche müssen da schon sein, mehr als drei Zentimeter Seitenabstand gelten bei dem genussvollen Vorgang als unsportlich und überhaupt gilt beim Überholen: grundsätzlich nur bei Gegenverkehr in der Rechtskurve überholen. Dass dabei nichts passiert, gehört wohl in den Bereich moderner Wandersagen: Die Maus im Jumbocockpit, die Spinne in der Juccapalme und der unverwundbare Italiener in seinem Fiat. Naja, es kann auch ein VW sein.

Italiener halten uns Deutsche nämlich für leicht beschränkt, was wir zugegebenermaßen ja auch sind, aber zweierlei wundert sie bei uns sehr: wir können tatsächlich Autos bauen und Fußballspielen. Und wir haben Derrick aufgebaut, die größte künstlerische Leistung, die das Fernsehen je hervorgebracht hat. Es ist allerdings auch eines der großen Wunder des Mediums Fernsehen, wie mediterran Derrick in italienisch synchronisierter Fassung auf einmal wirkt!

Aber die Fernsehkunst Italiens hat auch was zu bieten: da schlawenzeln 20 süße Bikinimädchen um einen alternden Moderator am Studio-Pool herum, mehr Ton kommt von der Musikanlage und einer langen Reihe von Elektrospielautomaten. Dazu das Gequatsche. Autokrach. Italiener lieben Krach! Da! Platsch! Was ist passiert? Die 20 Bikinimädchen sind vor Millionen männlicher Rentneraugen in den Pool gehopst. Millionen Rentnerinnen werden eifersüchtig.

Die Jungs zwischen 14 und 20 reiten derweil ihre Zweiräder in mittelalterlichen Gassen aus. Sind sie einmal 20, werden sie dann ohne Grund furchtbar nett, eine Metamorphose, die ich nie verstanden habe, aber darüber hat sich auch schon Ovid vor 2000 Jahren gewundert, und der war schließlich Insider. Haben sie die 20 überschritten sind Italiens Männer echt klasse, machen Bella Figura, lieben ihre Frau und die Kinder, schaffen es, eine Geliebte zu halten und trotzdem zu den Essenszeiten brav zu hause anzutanzen. Und die Frauen schaffen es auch noch, das Essen zu kochen und einen Lover zu haben. Beim Essen sind die Italiener sowieso friedlich. Nichts ist ihnen heiliger. Da genießen sie. Sie genießen sogar das, was sie “Brot” nennen. Auch das ist mir völlig unverständlich, aber man muss es wohl einfach hinnehmen, wie vieles. Etwa, wenn ich in Rom 8 Meter vom ehrwürdigen Pantheon entfernt ein Glas Wein bestelle, das übliche 0,1 Liter- Bonsaiglas erwarte und ein typisch deutsches 0,5 Liter Bierglas (genau, das mit diesen dämlichen Noppen!) voll Wein kriege. Ein Glas ist ein Glas ist ein Glas, Cin Cin! Italiener haben nämlich einen ausgeprägten Sinn für Surrealismus. Ein Feinkosthändler, den ich kenne, hat zum Beispiel hat einen ausgestopften Wildschweinkopf über seiner Tür, aber mit Seemannsmütze und Pfeife, ungelogen!

Das bringt mich auf ein anderes Thema. Einmal im Jahr gibt es eine kritische Phase im Leben der sonst so friedlichen Italiener, jedenfalls der männlichen. Sie beginnt pünktlich an dem Tag, an dem die Jagdsaison eröffnet wird. Jeder findet zufällig irgendwo im Schrank eine Flinte und schon wird er zum Killer. Ich warne dringend jeden deutschen Wanderfreund, in dieser Zeit durch italienische Wälder zu streifen und biete demjenigen tausend Mark (der Rechtsweg ist ausgeschlossen), der in Italien schon mal ein Reh gesehen hat...

Zum Schluss noch die Sache mit dem Scontrino, dem Kassenzettel, den man bei jedem Kauf bekommt. Bekommt? Er wird einem ausgehändigt. Ausgehändigt? Eher aufgedrängt. Hinterhergetragen. Nachgeschickt. Fast schon aufs Auge gedrückt. Das hat aber auch einen Grund. Die Steuerpolizei will, dass man ihn unter allen Umständen aufbewahrt, bis man 200 Meter vom Laden entfernt ist. Es empfiehlt sich, zu diesem Zweck immer ein Maßband bei sich zu führen. Wird man innerhalb dieses Radius ohne Scontrino erwischt, wandert man sofort für Jahre in den Knast, “in galera”, wie es so schön altertümlich heißt. Eigentlich müssen die italienischen Gefängnisse voll sein mit Touristen. Während Du also gerade in Handschellen abgeführt wirst, amüsiert sich da ganz entspannt bei einem Aperitivo ein freundlicher Mensch, der soeben eine ganze Siedlung mit Zement minderer Qualität hochgezogen und damit ziemlich viele Millionen verdient hat. Ohne Scontrino würde sich dieser Herr nie erwischen lassen! Oh, jetzt wird’s politisch, jetzt höre ich lieber auf!

Wer ist der Autor dieses Artikels?

Peter Petri lebt als Zeichner und Texter in Berlin. Er schreibt satirische Texte, Drehbücher und anderes, zeichnet Comics, Karikaturen, Illustrationen und arbeitet gelegentlich auch in den Bereichen Trickfilm und Werbung. Weitere Aktivitäten und Interessen: Internet und Italien, wohin er sich immer mal zum Arbeiten zurückzieht.
Auf seiner
Homepage finden Sie seine Texte und Bilder. Es gibt aber auch einige Seiten über Pitigliano.

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Siehe auch:

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Wie sind die Italiener? Urteile und Vorurteile zwischen Deutschen und Italienern. Deutsche in Italien - Italiener in Deutschland.
[Kapitel]

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