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Deutsche Geschichten über Italien gibt es
viele, mehr als wir jemals werden lesen können, und meist steckt
eine Sehnsucht dahinter. Italien ist das Land unserer
teutonischen Träume. Vielleicht sollte ich mal von anderen
Seiten Italiens schreiben. Keine Angst, es tauchen keine
Mailänder Fabrikschornsteine auf aus dem Smog, auch die Mafia
soll fehlen, genauso wie das politische Chaos (das uns doch
irgendwie auch ein bisschen gefällt, geben wir es ruhig zu).
Schauen wir lieber mal in den Alltag des Stiefels im Mittelmeer,
dorthin, wo gerade die Zitronen nicht wachsen. Die Sehnsucht ist
doch dann am schönsten, wenn sie sich nicht ganz erfüllt.

Schon als Knabe war
ich das erste mal in Italien, es hatte vier Wochen nicht geregnet, und
ich dachte noch viele Jahre, in Italien regnet es niemals. Oh, bitter
habe ich mich getäuscht. In Italien regnet es statistisch gesehen mehr
als in England. Gatti e Cani sozusagen. Und noch viele solcher
Irrtümer sollten folgen. Sicher kennen Sie Sekundenkleber. Das ist das
Zeug, das italienische Autofahrer an ihren vorderen Stoßstangen haben.
Sie tippen Dich damit kurz an, Du merkst nicht mal was davon, und
schon ziehst Du sie Dutzende von Kilometern hinter Dir her. Dazu muss
man wissen, dass der Sprit in Italien ziemlich was kostet. An Überholen
denken sie erst dann, wenn der Reiz übergroß wird: Zwei dicke,
durchgestrichene Striche müssen da schon sein, mehr als drei
Zentimeter Seitenabstand gelten bei dem genussvollen Vorgang als
unsportlich und überhaupt gilt beim Überholen: grundsätzlich nur bei
Gegenverkehr in der Rechtskurve überholen. Dass dabei nichts passiert,
gehört wohl in den Bereich moderner Wandersagen: Die Maus im
Jumbocockpit, die Spinne in der Juccapalme und der unverwundbare
Italiener in seinem Fiat. Naja, es kann auch ein VW sein.

Italiener halten uns
Deutsche nämlich für leicht beschränkt,
was wir zugegebenermaßen ja auch sind, aber zweierlei
wundert sie bei uns sehr: wir können tatsächlich Autos
bauen und Fußballspielen. Und wir haben Derrick aufgebaut,
die größte künstlerische Leistung, die das Fernsehen je
hervorgebracht hat. Es ist allerdings auch eines der großen
Wunder des Mediums Fernsehen, wie mediterran Derrick in
italienisch synchronisierter Fassung auf einmal wirkt!
Aber die Fernsehkunst Italiens hat
auch was zu bieten: da schlawenzeln 20 süße
Bikinimädchen um einen alternden Moderator am
Studio-Pool herum, mehr Ton kommt von der Musikanlage
und einer langen Reihe von Elektrospielautomaten. Dazu
das Gequatsche. Autokrach. Italiener lieben Krach! Da!
Platsch! Was ist passiert? Die 20 Bikinimädchen sind vor
Millionen männlicher Rentneraugen in den Pool gehopst.
Millionen Rentnerinnen werden eifersüchtig.

Die Jungs zwischen 14 und 20
reiten derweil ihre Zweiräder in mittelalterlichen Gassen aus. Sind sie
einmal 20, werden sie dann ohne Grund furchtbar nett, eine Metamorphose,
die ich nie verstanden habe, aber darüber hat sich auch schon Ovid vor
2000 Jahren gewundert, und der war schließlich Insider. Haben sie die 20
überschritten sind Italiens Männer echt klasse, machen Bella Figura, lieben ihre Frau und die Kinder, schaffen es, eine Geliebte zu halten
und trotzdem zu den Essenszeiten brav zu hause anzutanzen. Und die
Frauen schaffen es auch noch, das Essen zu kochen und einen Lover zu
haben. Beim Essen sind die Italiener sowieso friedlich. Nichts ist ihnen
heiliger. Da genießen sie. Sie genießen sogar das, was sie “Brot” nennen.
Auch das ist mir völlig unverständlich, aber man muss es wohl einfach
hinnehmen, wie vieles. Etwa, wenn ich in Rom 8 Meter vom ehrwürdigen
Pantheon entfernt ein Glas Wein bestelle, das übliche 0,1 Liter-
Bonsaiglas erwarte und ein typisch deutsches 0,5 Liter Bierglas (genau,
das mit diesen dämlichen Noppen!) voll Wein kriege. Ein Glas ist ein
Glas ist ein Glas, Cin Cin! Italiener haben nämlich einen ausgeprägten
Sinn für Surrealismus. Ein Feinkosthändler, den ich kenne, hat zum
Beispiel hat einen ausgestopften Wildschweinkopf über seiner Tür, aber
mit Seemannsmütze und Pfeife, ungelogen!

Das bringt mich auf ein anderes Thema.
Einmal im Jahr gibt es eine kritische Phase im Leben der sonst so
friedlichen Italiener, jedenfalls der männlichen. Sie beginnt pünktlich
an dem Tag, an dem die Jagdsaison eröffnet wird. Jeder findet zufällig
irgendwo im Schrank eine Flinte und schon wird er zum Killer. Ich warne
dringend jeden deutschen Wanderfreund, in dieser Zeit durch italienische
Wälder zu streifen und biete demjenigen tausend Mark (der Rechtsweg ist
ausgeschlossen), der in Italien schon mal ein Reh gesehen hat...

Zum Schluss noch die Sache mit dem Scontrino,
dem Kassenzettel, den man bei jedem Kauf bekommt. Bekommt? Er wird einem
ausgehändigt. Ausgehändigt? Eher aufgedrängt. Hinterhergetragen.
Nachgeschickt. Fast schon aufs Auge gedrückt. Das hat aber auch einen
Grund. Die Steuerpolizei will, dass man ihn unter allen Umständen
aufbewahrt, bis man 200 Meter vom Laden entfernt ist. Es empfiehlt sich,
zu diesem Zweck immer ein Maßband bei sich zu führen. Wird man innerhalb
dieses Radius ohne Scontrino erwischt, wandert man sofort für Jahre in
den Knast, “in galera”, wie es so schön altertümlich heißt. Eigentlich
müssen die italienischen Gefängnisse voll sein mit Touristen. Während Du
also gerade in Handschellen abgeführt wirst, amüsiert sich da ganz
entspannt bei einem Aperitivo ein freundlicher Mensch, der soeben eine
ganze Siedlung mit Zement minderer Qualität hochgezogen und damit
ziemlich viele Millionen verdient hat. Ohne Scontrino würde sich dieser
Herr nie erwischen lassen! Oh, jetzt wird’s politisch, jetzt höre ich
lieber auf!
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