
Das ist der Anlass:
Vor 50 Jahren, am 20. Dezember 1955, unterzeichneten Deutschland und Italien einen Vertrag zur
Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften in die
Bundesrepublik. Fortan kamen Hunderttausende, um den katastrophalen
Lebensbedingungen in ihrer Heimat zu entgehen und als so genannte „Gastarbeiter“
ein Auskommen in den Werken der großen Automobilhersteller oder den Stahlküchen
des Ruhrgebiets zu finden. Dank seines Wirtschaftswunders wurde Deutschland zum
weltweit zweitgrößten Einwanderungsland für Italiener (nach den USA).
Das ist das Buch:
„Grazie mille!“ von Carola Rönneburg erinnert daran, wie mit den „Gastarbeitern“
auch die italienische Kultur ins Land gekommen ist und das Leben in Deutschland
seit nunmehr 50 Jahren verschönert. In 27 kurzweiligen Kapiteln wird erzählt,
was wir an der einst fremden Lebensart so alles kennen- und lieben gelernt haben.
Pizza, Pasta, Chianti und, natürlich, das „Eiscafé Venezia“... – was haben wir
den Italienern nicht alles zu verdanken! Rönneburg nimmt ebenso bekannte wie
klassische Errungenschaften unter die Lupe und erzählt die Geschichte(n) ihrer
Verbreitung in Deutschland. Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als man in
Deutschland ohne Knoblauch und Olivenöl kochte! Damals sollen die Leute
Espresso-Kaffee bestellt und sich über halbleere Tassen mokiert haben. Im Land
gab es nur drei Sorten Eis; und Grappa, Mozzarella & Ricotta waren Fremdwörter.
Zu Recht würdigt „Grazie mille“ auch Mode (das Beispiel Riemchensandale!), Musik
(Marina Marina!), ja sogar Filmgenres (Italo-Western!) und nicht zuletzt
Aspekte, die mit Mentalität und Lebensgefühl zu tun haben: Bewundern wir sie
nicht heimlich, diese unbefangenen Gemütsregungen im öffentlichen Raum?
Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang Giovanni Trapattonis „Was erlauben
Strunz?“.
Italiener, die ihrer Armut entkamen, bereicherten unsere Kultur. Doch bis wir
das kapierten, nannten wir sie erst einmal „Spaghettifresser“. Es gehört zu den
Verdiensten von Rönneburgs Buch, auch Augenmerk darauf zu legen, dass wir uns
unseren „Gastarbeitern“ gegenüber nicht immer sehr gastfreundlich verhalten
haben. Geschichten wie die der miserablen Unterbringung der ersten italienischen
VW-Arbeiter in Wolfsburg oder die des Stuttgarter Bocciodromo machen
anschaulich, wie die Zuwanderer sich ihre Annehmlichkeiten in Deutschland meist
selbst zu schaffen hatten.
Spannend an „Grazie mille“ ist, dass hier nicht nur erzählt wird, wie die
Italiener unser Leben verschönert haben. Zwischen den Zeilen liest man auch, wie
sich Deutschland selbst mit verändert hat. Von der Capri-Seligkeit der 1950er
Jahre bis zur Latte-Macchiato-Mode der Gegenwart dokumentiert sich ein
aufschlussreicher Wandel deutscher Italien-Klischees und –Passionen.
Das ist die Kritik:
Wer sich nicht nur als Liebhaber, sondern auch als Kenner italienischer
Lebensart versteht, wird sich bei der Lektüre möglicherweise fragen, wie viel
die eine oder andere in Deutschland gepflegte „italienische“ Errungenschaft denn
mit der Wirklichkeit in Italien zu tun hat – und ein paar relativierende
Hinweise vermissen.
Zur Wirklichkeit deutscher Italienliebe gehören auch Italien-Klischees. Wenn
Rönneburg beispielsweise von ihren „enttäuschten“ Illusionen in Bezug auf die
italienische Kunst des Feierns berichtet, nimmt sie alltägliche Anfälligkeiten
für bestimmte Klischees bewusst in den Blick. Dass die Autorin sich selbst dabei
nicht ausklammert, macht sie sympathisch - genauso wie die leise Ironie, die das
ganze Buch durchzieht: Italienische Lebensart ist immer auch das, was wir dafür
halten.
Die in „Grazie mille“ vorgestellten Phänomene deutscher Italien-Beseeltheit
werden mit unterschiedlicher Tiefenschärfe durchleuchtet. Mehr bzw. deutlicher
erkennbare Bezugspunkte der Autorin zu allen Themen wären wünschenswert gewesen. Aber das mag das Los einer jeden Italo-Stilkunde sein:
Jeder Italienkenner weiß es (für sich persönlich) immer besser und könnte
wahrscheinlich seine ganz eigene Danksagung schreiben, warum und wie die
Italiener sein Leben verschönert haben. |