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Politische Biografie von Giulio Andreotti, dem vielleicht wichtigsten italienischen Politiker der letzten 50 Jahre. Aus dem Presseheft des Films "Il Divo" von Paolo Sorrentino.
Mit einem kleinen Glossar zur Erklärung einiger wichtiger politischer Begriffe.


Giulio Andreotti (ganz links) mit Takeo Fukuda, Jimmy Carter, Helmut Schmidt
und Valéry Giscard d'Estaing bei einem Treffen in Bonn (1978).
Alle Foto auf dieser Seite: Wikipedia

Eckdaten

Giulio Andreotti, einer der bekanntesten und mächtigsten Politiker Italiens, wird am 14. Januar 1919 in Rom geboren. Er studiert Jura, wird Journalist und beginnt seine politische Karriere mit nur 28 Jahren als Protege des damaligen Premier Alice De Gasperi. Seitdem und über den Zusammenbruch der ersten Republik und seiner Partei, der Democrazia Cristiana (à Glossar), hinaus, der durch die Prozesslawine "Tangentopoli" (à Glossar) ausgelöst wurde, gehört er der politischen Klasse an.

Sieben Mal wird er Regierungschef, zehn Mal Verteidigungsminister, fünf Mal Außenminister, zwei Mal Finanzminister, ein Mal Innenminister, ein Mal Schatzminister sowie Minister für EU Angelegenheiten. Giulio Andreotti war Mitglied der 3. Ständigen Kommission der Sonderkommission für Menschenrechte und Mitglied der italienischen parlamentarischen Delegation der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Seit 1991 ist er Senator auf Lebenszeit. Der Politiker ist außerdem bekannt für seine engen, zuweilen freundschaftlichen Beziehungen zu Päpsten und hohen Würdenträgern des Vatikans, welche unter anderem als Basis seiner Macht angesehen werden können.

"Il Divo" ein Film von Paolo Sorrentino

"IL DIVO" ist ein Politkrimi, der den siebenfachen italienischen Premierminister Andreotti als tragikomischen und gefährlichen Machtdompteur inmitten eines Zirkus von Eitelkeiten, Korruption,  Verbrechen und Sex vorführt.

Vorstellung des Films

Interview mit Paolo Sorrentino,
dem Regisseur des Films

Nirgendwo in Europa hatte ein Politiker über so lange Zeit so unterschiedliche parlamentarische Regierungsposten inne. 2006 kandidiert er noch für das Amt des Senatspräsidenten. Bis heute ist er aktives Mitglied im Senat des italienischen Parlaments. Mitte Januar 2009 feiert Andreotti seinen neunzigsten Geburtstag.


Giulio Andreotti (1960)

Giulio Andreotti und Aldo Moro

Ein wunder Punkt in der politischen Karriere Andreottis ist der Fall Moro (à Glossar). Die beiden lernen sich schon während des Studiums im Umfeld des katholischen Studentenbunds Italiens kennen. Obwohl sie der gleichen christdemokratischen Partei angehörten, sind sie erklärte innenpolitische Gegner. Will Aldo Moro eine Öffnung nach links, um die Macht seiner eigenen Partei zu sichern, gehört Andreotti – nicht zuletzt aus Angst vor internationalen Sanktionen – zu den vehementesten Gegnern des Vorhabens, die Kommunisten in die Regierung mit einzubeziehen. Als Aldo Moro von den linksterroristischen Roten Brigaden (à Glossar) entführt wird, lehnt die Regierung jegliche Verhandlung mit Entführern ab. Moro schreibt unermüdlich an Familie und Parteifreunde, die er auffordert, die Prinzipientreue um der Menschlichkeit willen aufzugeben. Andreotti stellt er moralisch an den Pranger – ohne diesen jedoch zu erweichen.

Am 9. Mai 1978 wird er von seinen Entführern erschossen. Nach seinem Tod fehlt die Vermittlungskunst Moros innerhalb der Partei "Democrazia Cristiana" (à Glossar). Moro war derjenige, der die unterschiedlichen Strömungen in seiner Partei immer wieder zusammenzuführen vermochte. 1990 tauchen Aufzeichnungen von Aldo Moro auf, die schwere Vorwürfe gegen Andreotti enthalten. Er wird mit der "Strategie der Spannung" (à Glossar), den terroristischen Aktivitäten von Geheimdiensten, Rechtsextremisten und der freimaurerischen Geheimloge "P2" (à Glossar) sowie mit "Gladio", einer geheimen Struktur innerhalb der Nato zur Bekämpfung kommunistischer Subversion, in Verbindung gebracht.

»Ich bin mir bewusst, dass ich von mittlerer Statur bin,
doch wenn ich mich umschaue, sehe ich keine Giganten.«
Giulio Andreotti, 1973

Giulio Andreotti und seine Beziehung zu Deutschland

Alle seien damit einverstanden, dass es zwischen den beiden deutschen Staaten eine gute Beziehung geben muss. Der Pangermanismus (der Wille ein vereintes Deutschland zu schaffen) müsse jedoch überwunden werden. Es gäbe zwei deutsche Staaten und zwei sollen es auch bleiben. Dieser berühmte Fauxpas  Andreottis, [...] erregt seinerzeit (1984) die deutschen Gemüter. Niemand sei legitimiert, den aufrichtigen Willen der Bundesrepublik Deutschland zur Einhaltung der von ihr geschlossenen Verträge und der von ihr übernommenen Verpflichtungen in Zweifel ziehen, kontert der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher.

Die Befürchtungen Andreottis sind offensichtlich. In einer Neutralisierung der DDR, die zu einer Neutralisierung Westdeutschlands führen könnte, sieht er eine reale Gefahr für Europa.

Aber der Vorfall ist bald vergessen. Sowohl mit Schmidt als mit Kohl pflegt Andreotti ausgezeichnete Kontakte. Immerhin sind Italien und Deutschland Frontstaaten für Europa und Andreottis Engagement für ein starkes Westeuropa ist allgemein bekannt. [...]

Giulio Andreotti und die Mafia

Es wird behauptet, dass Andreotti in seiner Zeit als führender italienischer Politiker Kontakte zur Mafia hatte. 1993 kam es zu mehrfachen Beschuldigungen, die verschiedene geständige Mafiosi unabhängig voneinander gemacht hatten. Dem Politiker wurde vorgeworfen, Mitwisser der Cosa Nostra zu sein. Ein schwerer Vorwurf, zumal er seine innerparteiliche Basis in Sizilien hatte. Sein Kontaktmann in Palermo war jahrzehntelang der DC-Mann Salvatore Lima (à Glossar), der 1992 von der Mafia ermordet wurde.

1996 wird zum ersten Mal nach unzähligen Versuchen dem Antrag auf Aufhebung der Immunität des Senators auf Lebenszeit stattgegeben. Der zweifellos größte Mafiaprozess gegen einen italienischen Politiker beginnt.

1999 wird Andreotti (in der ersten Instanz) von der Anklage, mit der Mafia in Kontakt gestanden zu haben, freigesprochen. Auch das Verfahren, in dem er des Mordes an dem Journalisten Mino Pecorelli angeklagt ist, endet zugunsten Andreottis. Obwohl er im Berufungsverfahren (der zweiten Instanz) zu 24 Jahren Haftstrafe verurteilt wird, entscheidet das Kassationsgericht (die dritte Instanz), dass die dem Klageverfahren zugrunde liegende Tat verjährt sei.

Durch die Aussagen geständiger Mafiosi ergeben sich jedoch komplexe Zusammenhänge zwischen Andreotti und der Mafia. 1976 versucht Andreotti vergebens, mit Schecks einer von der Mafia betriebenen Finanzierungsgesellschaft den Zusammenbruch des Bauunternehmens der mit ihm befreundeten Gebrüder Caltagirone zu verhindern und löst damit den Skandal um die "Italcasse" aus. Darüber, über die Existenz von "Gladio" und über ein Treffen mit dem mafiosen Bankrotteur Sindona in New York wusste Aldo Moro Bescheid und schrieb dieses Wissen während seiner Gefangenschaft nieder. [...]

Wahrscheinlich kannte General Alberto Dalla Chiesa diese Dokumente (auch er wurde von der Mafia ermordet) und informierte den mit ihm befreundeten Enthüllungsjournalisten Mino Pecorelli über die Zusammenhänge. In seinem "Osservatore politico" lässt dieser durchblicken, wovon er wusste. Nach Aussagen der Ex-Mafiosi war Andreotti der Auftraggeber dieses Mordes an Mino Pecorelli. Durch Salvo Lima (à Glossar) habe er Kontakt mit der Mafia aufgenommen.

Dieser leicht gekürzte Text ist der Pressemappe des Films "Il Divo" von Paolo Sorrentino entnommen. Eine ausführliche Vorstellung dieses herausragenden Films, der auch in Deutschland als DVD erhältlich ist, finden Sie hier.

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