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Zusammenfassung:
1 - Johann Wolfgang Goethe
Wohin auch immer Goethe gereist ist, sei es in Deutschland
oder im Ausland, hat er bedeutende Spuren hinterlassen, auch wenn sein
Aufenthalt nur sehr kurz war. So auch am Gardasee.
Der Gardasee stellte bis zu den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts eine
Ausnahme dar: Obwohl der Dichter den See in seiner “Reise nach Italien”
bewundernd beschrieben hat, blieben die von ihm beschriebenen Orte kaum
bekannt.
Erst nach dem Bau von Winter-Sanatorien erlangte der Gardasee im Ausland
einen höheren Bekanntheitsgrad, und damit auch die Erzählungen Goethes über
seinen Aufenthalt dort.
Die Ursprünge von Goethes Traum von Italien gehen bis auf seine Kindheit
zurück, als er im Elternhaus die Stiche mit Italienmotiven bewundern konnte,
die sein Vater von seiner Italienreise mitgebracht hatte. Und im Jahr 1786
fühlt sich Goethe, im “Land wo die Zitronen blühn”, wieder an jene Eindrücke
erinnert und dank der neuen, sein Herz erweiternden Italien-Erfahrung
gelingt es ihm, die bedrückenden Weimarer Zustände zu vergessen und wieder
zu einem “Mensch unter Menschen” zu werden. Was Goethe auf seiner Reise
sucht, ist das Erlebnis des klassischen Altertums, und sein Aufenthalt am
Gardasee inspiriert ihn, seine Tätigkeit als Schriftsteller wieder
aufzunehmen.
Auf seiner Reise nach Verona macht Goethe in Torbole Halt, wo er die antiken
Olivenbäume und die zahlreichen Feigenbäume bewundert. Er beobachtet das
geschäftige und sorglose Leben der Menschen, besonders das der Frauen, die
den ganzen Tag lang miteinander schwatzen und schreien, aber dennoch immer
beschäftigt wirken. In Torbole erlebt Goethe hautnah die Natürlichkeit, die
Unabhängigkeit und die Sorglosigkeit des mediterranen Lebens.
Das wichtigste Ereignis, das mit seinem Aufenthalt in Torbole verbunden ist,
ist die Wiederaufnahme der Arbeit an der endgültigen Version der
“Iphigenie”. Sie begleitet ihn in dieses schöne und warme Fleckchen Erde; in
seinem Zimmer mit Blick auf den See, weit weg von Weimar, findet er die
Kraft sich wieder in den Geist seiner klassischen Heldin an der Küste von
Tauris zu versenken.
Mit dem Boot geht es dann von Torbole nach Malcesine und während dieser
Bootsfahrt hat er Gelegenheit, die Schönheiten der Ufer des Sees zu
genießen: Goethe beschreibt die Nordküste bei Riva und den Berg Brione und
während er an Limone vorbei fährt, erzählt er mit minuziöser Präzision von
den mit Zitronen bepflanzten Gärten und Terrassen.
In Malcesine angekommen begibt er sich am frühen Morgen zum alten
Scaligeri-Schloss, um von dort oben den herrlichen Panoramablick über den
See zu genießen und im Licht der Morgensonne den von Efeu bedeckten
Schlossturm zu zeichnen.
Die Einwohner von Malcesine halten Goethe jedoch für einen österreichischen
Spion, der im Auftrag des Kaisers Josef II einen eventuellen Angriff
vorbereiten soll und so muss er sich vor der Bevölkerung und vor den
örtlichen Autoritäten verteidigen. Die “Verteidigungsrede” Goethes und die
Hilfe, die er von einem ehemaligen deutschen Emigranten erfährt, dem
einzigen, der Deutsch spricht, besänftigen schließlich die aufgebrachten
Gemüter wieder.
Nachdem Goethe in jener Rede ausgiebig die Vorzüge des Schlosses, des Ortes
und seiner Bevölkerung gelobt hat, unterstreicht er noch die Weisheit und
Vorsicht der örtlichen Autoritäten und erhält so schließlich die Erlaubnis,
die Ortschaft und die umliegende Gegend nach seinen Wünschen zu besichtigen.
So endet dieses abenteuerliche Erlebnis Goethes am Gardasee. Aber erst viel
später, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wird sein Reisetagebuch
bekannt und der Gardasee erlangt nördlich der Alpen endlich größere
Bekanntheit, bis er schließlich zu einem der beliebtesten Reiseziele
deutscher Reisender, besonders aber von Dichtern und Schriftstellern wird.
2 - Heinrich Mann
Nach dem Friedensvertrag von 1866, durch den die Region
Venetien an Italien fällt, wird die Nordküste des Gardasees zum “Strand” des
Kaiserreichs der Habsburger, der mit der zunehmenden Effizienz der lokalen
Infrastrukturen die mediterrane Umwelt mit dem mitteleuropäischen Komfort
bereichert.
Auf diese Weise wurden auch die Gäste gewonnen, die den Essgewohnheiten und
den Sitten und Gebräuchen der Italiener misstrauisch gegenüberstanden.
Unter den Ausländern, die jetzt die sonnenverwöhnten Ufer des Gardasees
besuchten, traf man daher auch immer mehr Vertreter angesehener europäischer
Kulturkreise.
Heinrich Mann war derjenige, der im deutschen Literaturpanorama des 19.
Jahrhunderts das Verdienst hatte, mehr als jeder andere die Erfahrungen des
Sanatoriums, insbesondere der des Gardasees, in seine Werke einfließen ließ.
Sein erster Aufenthalt in Riva war im Jahr 1893 in der Heilanstalt von Dr.
Hartungen, um nach dem Blutsturz, der ihn befallen hatte, Heilung zu suchen.
Wie sein Bruder Viktor erzählte, war er überzeugt, dass er seine Gesundheit
den Ratschlägen von Dr. Hartungen verdankte.
Während der insgesamt fast zweieinhalb Jahre, in denen Heinrich Mann sich im
Sanatorium von Hartungen aufhielt, nahm er regen Anteil am Leben des
Städtchens am See, er wohnte häufig in Pensionen und begab sich ins
Sanatorium nur für die Kuren, um so den persönlichen Kontakt mit der Kunst
und Kultur Italiens pflegen zu können. Schon bald begann Heinrich Mann, sich
auch für das Volk und die politischen und sozialen Verhältnisse zu
interessieren.
Während seines ersten Aufenthalts in Riva schrieb Heinrich Mann im Jahr 1902
einige wichtige Erzählungen, die an den Ufern des Gardasees spielten, wie
zum Beispiel Heldin und Jungfrauen, außerdem Das Wundebare, eine Erzählung,
in der zahlreiche Bezüge zum Gardasee und insbesondere zu Riva zu finden
sind, sowohl was die Umgebung, als auch was die Protagonisten betrifft.
Das Thema der Erzählung kreist um das “Wunderbare”, im Sinne magischer und
unwiederholbarer Umstände, die vielleicht nur ein einziges Mal in die
Alltäglichkeit des Leben einbrechen und die Sinne, den Geist und die Gefühle
derart extrem beeinflussen, dass davon letztlich nur das Irreale und
Unglaubliche des Traumphänomens bleibt.
Die Landschaft, in der die Novelle angesiedelt ist, hat typische alpine
Eigenschaften, ähnlich derer, die Mann an der Nordküste des Gardasees
erlebte.
Jungfrauen und Heldin aus der Sammlung Stürmische Morgen (1906) sind zwei
Novellen, die ausdrücklich dort spielen. Jungfrauen behandelt das Thema der
ersten Liebeserfahrungen von zwei jungen Schwestern aus gutbürgerlichen
deutschen Verhältnissen, Claire und Ada, die ihre erste Reise in eine noch
unbekannte Welt antreten.
Die Erzählung enthält alle Elemente der typischen Umwelt des Gardasees und
insbesondere des Städtchens Torbole; allerdings ist nur die Landschaft
italienisch, die Protagonisten sind alle Deutsche.
Anders ist der Hintergrund der Novelle Heldin, in der weniger die Landschaft
des Gardasees, als vielmehr seine Menschen und ihre sozialen Probleme im
Mittelpunkt stehen und ein Strukturelement für die thematische Entwicklung
darstellen.
Heinrich Mann und Dr. Hartungen wurden Freunde, während seiner Aufenthalte
in Italien besuchte Mann oft das Sanatorium und die Familie der Hartungen,
mit der er zeitlebens in Kontakt blieb.
3 - Franz Kafka
Unter den ersten berühmten mitteleuropäischen
Persönlichkeiten, die die Vorzüge dieses Ortes suchten, waren, neben den
Brüdern Mann auch Franz Kafka (1883-1924) und ihm verdanken wir das
eindrucksvollste literarische Zeugnis vom Gardasee.
Als Kafka im Jahr 1909 zum ersten Mal nach Riva del Garda kam, waren es
nicht gesundheitliche Gründe, die ihn dazu brachten, was im übrigen auch für
Thomas und Heinrich Mann galt; er begab sich nach Riva für einen
Badeaufenthalt zusammen mit den Brüdern Brod, die schon vorher dort gewesen
waren und die Riva wegen der Schönheit des Seepanoramas gewählt hatten.
Während dieses Aufenthalts lernte Kafka das Sanatorium von Hartungen und
seine fortschrittlichen Heilmethoden kennen, die seinen Ideen der
natürlichen Heilung entsprachen, Ideen von denen er immer überzeugt war.
In Riva del Garda fand Kafka auch die Liebe: während eines Boootsausfluges
verliebte er sich in eine junge Schweizerin, die ihm unerwartete
Glücksmomente schenkte.
Aber der Prager Schriftsteller wird sich an Riva del Garda nicht nur wegen
der Liebe zu der Schweizerin erinnern. Die Erfahrungen, die er im Sanatorium
und insbesondere in Riva machte, haben ihre Spuren auch in einem Werk
hinterlassen, das er drei Jahre nach der letzten Reise nach Riva, zwischen
1916 und 1917 schrieb: Der Jäger Gracchus, eine Erzählung, die am Gardasee
spielte.
In jener Zeit machte Kafka in Prag dramatische Momente seines Lebens durch
und in Gedanken fand er den Weg zurück nach Riva, wo er einige Jahre vorher
eine so entspannte Zeit verbracht hatte.
Mit dieser Erzählung kehrte Kafka an den Gardasee zurück, der für ihn
Erholung und Hoffnung bedeutete und der für ihn immer eine positive
Erfahrung darstellte, als ob er einen Zyklus der philosophischen Betrachtung
der Existenz abgeschlossen hätte.
In der Erzählung wird die majestätische Szenerie des Gardasees jedoch zu
einem Szenarium des Todes, der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. Es
sind nicht mehr die herrlichen Farben der Vegetation und des Wassers die ihn
inspirieren, der Gardasee verwandelt sich hier in eine Metapher der
Verzweiflung. Von Riva werden nur der kleine Hafen erwähnt, der
Seespaziergang, die steilen Gässchen und die nackte schwarz-graue Felswand
im Hintergrund. |