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Der Gardasee in der deutschen Literatur

 

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Zusammenfassung der Examensarbeit von Chiara Berto. Wenn Sie an dem Thema interessiert sind, können Sie sich mit der Autorin in Verbindung setzen.

Titel der Examensarbeit:
Il lago di Garda, tra turismo e rielaborazione letteraria
(der vollständige Text ist auf Italienisch)

Autorin:
Chiara Berto

Universität / Fakultät:
Università degli studi di Padova, facoltà di lettere e filosofia, corso di laurea in lingue e letterature straniere

Referent:
Prof.ssa Annarosa Azzone Zweifel

Jahr:
2008

Zusammenfassung:

1 - Johann Wolfgang Goethe

Wohin auch immer Goethe gereist ist, sei es in Deutschland oder im Ausland, hat er bedeutende Spuren hinterlassen, auch wenn sein Aufenthalt nur sehr kurz war. So auch am Gardasee.

Der Gardasee stellte bis zu den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Ausnahme dar: Obwohl der Dichter den See in seiner “Reise nach Italien” bewundernd beschrieben hat, blieben die von ihm beschriebenen Orte kaum bekannt.

Erst nach dem Bau von Winter-Sanatorien erlangte der Gardasee im Ausland einen höheren Bekanntheitsgrad, und damit auch die Erzählungen Goethes über seinen Aufenthalt dort.

Die Ursprünge von Goethes Traum von Italien gehen bis auf seine Kindheit zurück, als er im Elternhaus die Stiche mit Italienmotiven bewundern konnte, die sein Vater von seiner Italienreise mitgebracht hatte. Und im Jahr 1786 fühlt sich Goethe, im “Land wo die Zitronen blühn”, wieder an jene Eindrücke erinnert und dank der neuen, sein Herz erweiternden Italien-Erfahrung gelingt es ihm, die bedrückenden Weimarer Zustände zu vergessen und wieder zu einem “Mensch unter Menschen” zu werden. Was Goethe auf seiner Reise sucht, ist das Erlebnis des klassischen Altertums, und sein Aufenthalt am Gardasee inspiriert ihn, seine Tätigkeit als Schriftsteller wieder aufzunehmen.

Auf seiner Reise nach Verona macht Goethe in Torbole Halt, wo er die antiken Olivenbäume und die zahlreichen Feigenbäume bewundert. Er beobachtet das geschäftige und sorglose Leben der Menschen, besonders das der Frauen, die den ganzen Tag lang miteinander schwatzen und schreien, aber dennoch immer beschäftigt wirken. In Torbole erlebt Goethe hautnah die Natürlichkeit, die Unabhängigkeit und die Sorglosigkeit des mediterranen Lebens.

Das wichtigste Ereignis, das mit seinem Aufenthalt in Torbole verbunden ist, ist die Wiederaufnahme der Arbeit an der endgültigen Version der “Iphigenie”. Sie begleitet ihn in dieses schöne und warme Fleckchen Erde; in seinem Zimmer mit Blick auf den See, weit weg von Weimar, findet er die Kraft sich wieder in den Geist seiner klassischen Heldin an der Küste von Tauris zu versenken.

Mit dem Boot geht es dann von Torbole nach Malcesine und während dieser Bootsfahrt hat er Gelegenheit, die Schönheiten der Ufer des Sees zu genießen: Goethe beschreibt die Nordküste bei Riva und den Berg Brione und während er an Limone vorbei fährt, erzählt er mit minuziöser Präzision von den mit Zitronen bepflanzten Gärten und Terrassen.

In Malcesine angekommen begibt er sich am frühen Morgen zum alten Scaligeri-Schloss, um von dort oben den herrlichen Panoramablick über den See zu genießen und im Licht der Morgensonne den von Efeu bedeckten Schlossturm zu zeichnen.

Die Einwohner von Malcesine halten Goethe jedoch für einen österreichischen Spion, der im Auftrag des Kaisers Josef II einen eventuellen Angriff vorbereiten soll und so muss er sich vor der Bevölkerung und vor den örtlichen Autoritäten verteidigen. Die “Verteidigungsrede” Goethes und die Hilfe, die er von einem ehemaligen deutschen Emigranten erfährt, dem einzigen, der Deutsch spricht, besänftigen schließlich die aufgebrachten Gemüter wieder.

Nachdem Goethe in jener Rede ausgiebig die Vorzüge des Schlosses, des Ortes und seiner Bevölkerung gelobt hat, unterstreicht er noch die Weisheit und Vorsicht der örtlichen Autoritäten und erhält so schließlich die Erlaubnis, die Ortschaft und die umliegende Gegend nach seinen Wünschen zu besichtigen.

So endet dieses abenteuerliche Erlebnis Goethes am Gardasee. Aber erst viel später, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wird sein Reisetagebuch bekannt und der Gardasee erlangt nördlich der Alpen endlich größere Bekanntheit, bis er schließlich zu einem der beliebtesten Reiseziele deutscher Reisender, besonders aber von Dichtern und Schriftstellern wird.

2 - Heinrich Mann

Nach dem Friedensvertrag von 1866, durch den die Region Venetien an Italien fällt, wird die Nordküste des Gardasees zum “Strand” des Kaiserreichs der Habsburger, der mit der zunehmenden Effizienz der lokalen Infrastrukturen die mediterrane Umwelt mit dem mitteleuropäischen Komfort bereichert.

Auf diese Weise wurden auch die Gäste gewonnen, die den Essgewohnheiten und den Sitten und Gebräuchen der Italiener misstrauisch gegenüberstanden.
Unter den Ausländern, die jetzt die sonnenverwöhnten Ufer des Gardasees besuchten, traf man daher auch immer mehr Vertreter angesehener europäischer Kulturkreise.

Heinrich Mann war derjenige, der im deutschen Literaturpanorama des 19. Jahrhunderts das Verdienst hatte, mehr als jeder andere die Erfahrungen des Sanatoriums, insbesondere der des Gardasees, in seine Werke einfließen ließ.

Sein erster Aufenthalt in Riva war im Jahr 1893 in der Heilanstalt von Dr. Hartungen, um nach dem Blutsturz, der ihn befallen hatte, Heilung zu suchen. Wie sein Bruder Viktor erzählte, war er überzeugt, dass er seine Gesundheit den Ratschlägen von Dr. Hartungen verdankte.

Während der insgesamt fast zweieinhalb Jahre, in denen Heinrich Mann sich im Sanatorium von Hartungen aufhielt, nahm er regen Anteil am Leben des Städtchens am See, er wohnte häufig in Pensionen und begab sich ins Sanatorium nur für die Kuren, um so den persönlichen Kontakt mit der Kunst und Kultur Italiens pflegen zu können. Schon bald begann Heinrich Mann, sich auch für das Volk und die politischen und sozialen Verhältnisse zu interessieren.

Während seines ersten Aufenthalts in Riva schrieb Heinrich Mann im Jahr 1902 einige wichtige Erzählungen, die an den Ufern des Gardasees spielten, wie zum Beispiel Heldin und Jungfrauen, außerdem Das Wundebare, eine Erzählung, in der zahlreiche Bezüge zum Gardasee und insbesondere zu Riva zu finden sind, sowohl was die Umgebung, als auch was die Protagonisten betrifft.

Das Thema der Erzählung kreist um das “Wunderbare”, im Sinne magischer und unwiederholbarer Umstände, die vielleicht nur ein einziges Mal in die Alltäglichkeit des Leben einbrechen und die Sinne, den Geist und die Gefühle derart extrem beeinflussen, dass davon letztlich nur das Irreale und Unglaubliche des Traumphänomens bleibt.

Die Landschaft, in der die Novelle angesiedelt ist, hat typische alpine Eigenschaften, ähnlich derer, die Mann an der Nordküste des Gardasees erlebte.

Jungfrauen und Heldin aus der Sammlung Stürmische Morgen (1906) sind zwei Novellen, die ausdrücklich dort spielen. Jungfrauen behandelt das Thema der ersten Liebeserfahrungen von zwei jungen Schwestern aus gutbürgerlichen deutschen Verhältnissen, Claire und Ada, die ihre erste Reise in eine noch unbekannte Welt antreten.

Die Erzählung enthält alle Elemente der typischen Umwelt des Gardasees und insbesondere des Städtchens Torbole; allerdings ist nur die Landschaft italienisch, die Protagonisten sind alle Deutsche.

Anders ist der Hintergrund der Novelle Heldin, in der weniger die Landschaft des Gardasees, als vielmehr seine Menschen und ihre sozialen Probleme im Mittelpunkt stehen und ein Strukturelement für die thematische Entwicklung darstellen.
Heinrich Mann und Dr. Hartungen wurden Freunde, während seiner Aufenthalte in Italien besuchte Mann oft das Sanatorium und die Familie der Hartungen, mit der er zeitlebens in Kontakt blieb.

3 - Franz Kafka

Unter den ersten berühmten mitteleuropäischen Persönlichkeiten, die die Vorzüge dieses Ortes suchten, waren, neben den Brüdern Mann auch Franz Kafka (1883-1924) und ihm verdanken wir das eindrucksvollste literarische Zeugnis vom Gardasee.

Als Kafka im Jahr 1909 zum ersten Mal nach Riva del Garda kam, waren es nicht gesundheitliche Gründe, die ihn dazu brachten, was im übrigen auch für Thomas und Heinrich Mann galt; er begab sich nach Riva für einen Badeaufenthalt zusammen mit den Brüdern Brod, die schon vorher dort gewesen waren und die Riva wegen der Schönheit des Seepanoramas gewählt hatten.

Während dieses Aufenthalts lernte Kafka das Sanatorium von Hartungen und seine fortschrittlichen Heilmethoden kennen, die seinen Ideen der natürlichen Heilung entsprachen, Ideen von denen er immer überzeugt war.

In Riva del Garda fand Kafka auch die Liebe: während eines Boootsausfluges verliebte er sich in eine junge Schweizerin, die ihm unerwartete Glücksmomente schenkte.

Aber der Prager Schriftsteller wird sich an Riva del Garda nicht nur wegen der Liebe zu der Schweizerin erinnern. Die Erfahrungen, die er im Sanatorium und insbesondere in Riva machte, haben ihre Spuren auch in einem Werk hinterlassen, das er drei Jahre nach der letzten Reise nach Riva, zwischen 1916 und 1917 schrieb: Der Jäger Gracchus, eine Erzählung, die am Gardasee spielte.

In jener Zeit machte Kafka in Prag dramatische Momente seines Lebens durch und in Gedanken fand er den Weg zurück nach Riva, wo er einige Jahre vorher eine so entspannte Zeit verbracht hatte.

Mit dieser Erzählung kehrte Kafka an den Gardasee zurück, der für ihn Erholung und Hoffnung bedeutete und der für ihn immer eine positive Erfahrung darstellte, als ob er einen Zyklus der philosophischen Betrachtung der Existenz abgeschlossen hätte.
In der Erzählung wird die majestätische Szenerie des Gardasees jedoch zu einem Szenarium des Todes, der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. Es sind nicht mehr die herrlichen Farben der Vegetation und des Wassers die ihn inspirieren, der Gardasee verwandelt sich hier in eine Metapher der Verzweiflung. Von Riva werden nur der kleine Hafen erwähnt, der Seespaziergang, die steilen Gässchen und die nackte schwarz-graue Felswand im Hintergrund.

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