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Birgit Schönau: Calcio. Die Italiener und ihr Fußball

Birgit Schönau:
Calcio:
Die Italiener und ihr Fußball

Home > Italiener > Sport in Italien > Fußballskandal
Im Frühjahr 2006, als das ganze Ausmaß des italienischen Fußballskandals ans Licht kam, war die italienische Öffentlichkeit schockiert und rief nach exemplarischer Bestrafung von Sportlern und Verantwortlichen. Bis zum Herbst hat sich die Situation allerdings radikal verändert und ein Jahr später war alles vergessen...


Rote Karte für den italienischen Fußball

1. Akt: Frühjahr 2006

Obwohl die Italiener Skandalen gegenüber ziemlich abgebrüht sind, war das Ausmaß des Fußballskandals doch ein Schock für die italienische Öffentlichkeit. Der Traum vom sauberen Fußball schien endgültig ausgeträumt. Keiner schien aus dem Korruptionssumpf ausgeschlossen: Spieler, Schiedsrichter, Trainer, Vereinspräsidenten, Buchhalter, Journalisten. Und es existierten starke Verdachtsmomente, dass auch etliche Politiker mit drin steckten.

Es ging um bestochene Schiedsrichter, gekaufte Spielresultate, Erpressung von Spielern, Trainern und Vereinspräsidenten. Dazu kamen Doping, Spielerverkäufe, die mehr einem Sklavenhandel ähnelten und die natürlich häufig am italienischen Fiskus vorbei erfolgten, illegale Wetten, getürkte Vereinsbilanzen. Der Schiedsrichterskandal in Deutschland im Jahr davor war im Vergleich dazu eine Kleinigkeit.

Im Zentrum des Wirbelsturms, der den italienischen Fußball erfasst hatte, stand der Verein Juventus Turin und sein (inzwischen zurückgetretener) Präsident Moggi, der durch seine Beziehungen eine Macht im italienischen Fußball darstellte, vor der selbst andere Vereinspräsidenten zitterten.


Moggi, als er noch die Fäden im italienischen Fußball zog

Was im Laufe der Ermittlungen immer klarer wurde, war die besorgniserregende Tatsache, dass es sich offensichtlich nicht um "einzelne schwarze Schafe" handelte, sondern um ein regelrechtes System, in das - entweder als Täter, Komplizen oder als Opfer - ein nicht unbeträchtlicher Teil der italienischen Fußballprominenz verwickelt war. Und der in Italien enorm wichtige und einflussreiche Fußballjournalismus hat mit Sicherheit zumindest davon geahnt und geschwiegen - aus Angst, Scham oder aus Gleichgültigkeit.

Der Fußball in Italien

Fußball ist nicht nur Sport, Fußball ist Leidenschaft (besonders in Italien) und heute vor allem auch ein gigantisches Geschäft. Das Geld, das der Fußball der ersten und zweiten italienischen Liga in Bewegung setzt, wird auf insgesamt etwa 5-6 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Starke Leidenschaften verbunden mit so viel Geld können eine gefährliche Mischung ergeben. Und wenn ein Meistertitel darüber entscheiden kann, ob der Börsenkurs eines Vereins abstürzt oder steigt, wenn ein einziges wichtiges Spiel Hunderttausende von Euro einbringen kann, dann ist die Versuchung stark, alle zur Verfügung stehenden Mittel - legale und illegale - einzusetzen, um den Verein über Wasser zu halten oder seine Kasse noch lauter klingeln zu lassen. Und wenn ein Top-Spieler Millionen Euro einkassieren kann, wird auch auf dessen Seite die Hemmschwelle zur Illegalität schwächer.


Italien gewinnt die WM 2006!

2. Akt: Herbst 2006

Kaum dass die italienischen Spieler im Triumph von der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland nach Hause zurückgekehrt waren, regten sich die ersten Rufe nach Amnestie für die Angeklagten im Fußballskandal. Und obwohl die Sportjustiz nicht darauf reagierte und die Ermittlungen schnell zu Ende führte, fielen die Strafen für die Vereine, ihre Manager und die Schiedsrichter nicht sehr hart aus. Aber vielen genügte das nicht und jetzt kam eine regelrechte Gegenoffensive in Gang.

Alle bestraften Vereine gingen in Revision und die Fußballzeitungen waren voll von empörten Leserbriefen, die den "Skandal" anklagten - und damit jetzt aber die Strafen und nicht das Bestrafte meinten. Moggi, der Präsident von Juventus Turin und Hauptangeklagter der ganzen Affäre, der von seinem Amt zurücktreten musste, wurde zum Fernsehstar, der von einer Talkshow zur anderen gereicht wurde und die Einschaltquoten der Sender in die Höhe trieb.

Die Tifosi, die in Vereinen organisierten Fußballfans, und der Fußballjournalismus haben in Italien eine Macht, die man sich in Deutschland kaum vorstellen kann. Die auf dem typischen rosa Papier gedruckte "Gazzetta dello Sport", die meistgelesene Tageszeitung Italiens, hat eine weit höhere Auflage als alle "politischen" Konkurrenten. Und kein Bürgermeister würde es wagen, sich offen gegen die Tifosi seiner Stadt zu stellen - seine Wiederwahl könnte er in diesem Fall getrost vergessen. Und wenn dann selbst Mastella, der Justizminister Italiens, im Fernsehen seine persönliche Freundschaft zum Hauptangeklagten Moggi unterstreicht, dann kann man sich vorstellen, wie die Stimmung im Lande im Herbst 2006 umgeschlagen war.


Die "Gazzetta dello Sport",
die meistgelesene Tageszeitung Italiens

Wie abzusehen war, milderte jede Revision der Prozesse die Strafen. Im Endeffekt sehen sie, abgesehen von Amtsenthebungen und Geldstrafen für Einpersonen und Vereine, den Zwangsabstieg von Juventus in die zweite Liga (mit 17 Minuspunkten beim Start) vor, sowie weitere Minuspunkte für Vereine der ersten Liga (8 für AC Mailand, 11 für Lazio, 15 für Reggina und 19 für Fiorentina). Ursprünglich sollte keiner dieser Vereine in der ersten Liga bleiben und Juventus sollte sogar in die dritte Liga absteigen.
Aber den betroffenen Vereinen genügt das nicht und sie haben den Kampf gegen die "Ungerechtigkeit der Strafen" noch nicht aufgegeben.

3. Akt

Ein Jahr später, im Herbst 2007, ist der Fußballskandal völlig vergessen. Nach dem Abflauen des öffentlichen Interesses haben auch die Vereine ihren Kampf gegen die "Ungerechtigkeit" der ihnen aufgelegten Strafen aufgegeben. Juventus ist wieder in die 1. Liga aufgestiegen. Zurückgeblieben ist eigentlich nur ein Buch von Moggi, in dem er sich natürlich als unschuldigen Sündenbock präsentiert. Die Fußballwelt scheint wieder in Ordnung.

Fazit

Das Traurigste bei der ganzen Sache ist, dass das Unrechtsbewusstsein gegenüber Korruption und illegalem Verhalten, vor allem wenn es um Fußball im Allgemeinen und den "Verein des Herzens" im Besonderen geht, in Italien nicht sehr hoch ist. Und die Politiker haben eine Heidenangst, Wählerstimmen zu verlieren, wenn sie sich öffentlich "zu extrem" ausdrücken...
Die allgemeine Parole ist in Italien nach solchen Skandalen meist: "Vergessen, verzeihen, in die Zukunft blicken". Ob das hilft, Ähnliches in Zukunft zu verhindern, ist stark zu bezweifeln.

Siehe auch:

Alle Seiten über den Sport in Italien
Über die Lieblingsfreizeitbeschäftigungen der Italiener.
 [Kapitel]

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