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Rote Karte für den italienischen Fußball
1.
Akt: Frühjahr 2006
Obwohl die Italiener Skandalen gegenüber ziemlich abgebrüht
sind, war das Ausmaß des Fußballskandals doch ein Schock für die italienische
Öffentlichkeit. Der Traum vom sauberen Fußball schien endgültig ausgeträumt.
Keiner schien aus dem Korruptionssumpf ausgeschlossen:
Spieler, Schiedsrichter, Trainer, Vereinspräsidenten, Buchhalter, Journalisten.
Und es existierten starke Verdachtsmomente, dass auch etliche Politiker mit drin
steckten.
Es ging um bestochene Schiedsrichter, gekaufte Spielresultate, Erpressung
von Spielern, Trainern und Vereinspräsidenten. Dazu kamen Doping, Spielerverkäufe, die mehr
einem Sklavenhandel ähnelten und die natürlich häufig am italienischen Fiskus
vorbei erfolgten, illegale Wetten, getürkte Vereinsbilanzen. Der Schiedsrichterskandal in Deutschland
im Jahr davor war im
Vergleich dazu eine Kleinigkeit.
Im Zentrum des Wirbelsturms, der den italienischen Fußball erfasst hatte, stand
der Verein Juventus Turin und sein (inzwischen zurückgetretener) Präsident Moggi, der
durch seine Beziehungen eine Macht im
italienischen Fußball darstellte, vor der selbst andere Vereinspräsidenten
zitterten.

Moggi, als er noch die Fäden im italienischen
Fußball zog
Was im Laufe der Ermittlungen immer klarer wurde, war die
besorgniserregende Tatsache, dass es sich offensichtlich nicht um "einzelne schwarze
Schafe" handelte, sondern um ein regelrechtes System, in das - entweder als
Täter, Komplizen oder als Opfer - ein nicht unbeträchtlicher Teil der
italienischen Fußballprominenz verwickelt war. Und der in Italien enorm wichtige
und einflussreiche Fußballjournalismus hat mit Sicherheit zumindest davon geahnt und geschwiegen
- aus Angst, Scham oder aus
Gleichgültigkeit.
Der Fußball in Italien
Fußball ist nicht nur Sport, Fußball ist Leidenschaft (besonders in Italien) und heute vor allem
auch ein gigantisches Geschäft. Das Geld, das der Fußball der ersten und zweiten
italienischen Liga in Bewegung setzt, wird auf insgesamt etwa 5-6 Milliarden
Euro pro Jahr geschätzt. Starke Leidenschaften verbunden mit so viel Geld können eine gefährliche Mischung
ergeben. Und wenn ein
Meistertitel darüber entscheiden kann, ob der Börsenkurs eines Vereins abstürzt oder
steigt, wenn ein einziges wichtiges Spiel Hunderttausende von Euro einbringen
kann, dann ist die Versuchung stark, alle zur Verfügung stehenden Mittel -
legale und illegale - einzusetzen, um den Verein über Wasser zu halten oder seine
Kasse noch lauter klingeln zu lassen. Und wenn ein Top-Spieler Millionen Euro
einkassieren kann, wird auch auf dessen Seite die Hemmschwelle zur Illegalität
schwächer.

Italien gewinnt die WM 2006!
2. Akt: Herbst 2006
Kaum dass die italienischen Spieler im Triumph
von der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland nach Hause zurückgekehrt
waren, regten sich die ersten Rufe nach Amnestie für die Angeklagten im
Fußballskandal. Und obwohl die Sportjustiz nicht darauf reagierte und die
Ermittlungen schnell zu Ende führte, fielen die Strafen für die Vereine, ihre
Manager und die Schiedsrichter nicht sehr hart aus. Aber vielen genügte das
nicht und jetzt kam eine regelrechte Gegenoffensive in Gang.
Alle bestraften Vereine gingen in Revision und die Fußballzeitungen waren voll
von empörten Leserbriefen, die den "Skandal" anklagten - und damit
jetzt aber die
Strafen und nicht das Bestrafte meinten. Moggi, der Präsident von Juventus Turin
und Hauptangeklagter der ganzen Affäre, der von seinem Amt zurücktreten musste,
wurde zum Fernsehstar, der von einer Talkshow zur anderen gereicht wurde und die Einschaltquoten der Sender in die Höhe trieb.
Die Tifosi, die in Vereinen organisierten Fußballfans, und der
Fußballjournalismus haben in Italien eine Macht, die man sich in Deutschland
kaum vorstellen kann. Die auf dem typischen rosa Papier gedruckte "Gazzetta
dello Sport", die meistgelesene Tageszeitung Italiens, hat eine weit höhere
Auflage als alle "politischen" Konkurrenten. Und kein Bürgermeister würde es
wagen, sich offen gegen die Tifosi seiner Stadt zu stellen - seine Wiederwahl
könnte er in diesem Fall getrost vergessen. Und wenn dann selbst Mastella, der
Justizminister Italiens, im Fernsehen seine persönliche Freundschaft zum
Hauptangeklagten Moggi unterstreicht, dann kann man sich vorstellen, wie die
Stimmung im Lande im Herbst 2006 umgeschlagen war.

Die "Gazzetta dello Sport",
die meistgelesene Tageszeitung Italiens
Wie abzusehen war, milderte jede
Revision der Prozesse die Strafen. Im Endeffekt sehen sie, abgesehen von
Amtsenthebungen und Geldstrafen für Einpersonen und Vereine, den Zwangsabstieg
von Juventus in die zweite Liga (mit 17 Minuspunkten beim Start) vor, sowie
weitere Minuspunkte für Vereine der ersten Liga (8 für AC Mailand, 11 für Lazio,
15 für Reggina und 19 für Fiorentina). Ursprünglich sollte keiner dieser Vereine in
der ersten Liga bleiben und Juventus sollte sogar in die dritte Liga absteigen.
Aber den betroffenen Vereinen genügt das nicht und sie haben den Kampf gegen die
"Ungerechtigkeit der Strafen" noch nicht aufgegeben.
3. Akt
Ein Jahr später, im Herbst 2007,
ist der Fußballskandal völlig vergessen. Nach dem Abflauen des öffentlichen
Interesses haben auch die Vereine ihren Kampf gegen die "Ungerechtigkeit" der
ihnen aufgelegten Strafen aufgegeben. Juventus ist wieder in die 1. Liga
aufgestiegen. Zurückgeblieben ist eigentlich nur ein Buch von Moggi, in dem er
sich natürlich als unschuldigen Sündenbock präsentiert. Die Fußballwelt scheint
wieder in Ordnung.
Fazit
Das Traurigste bei der ganzen
Sache ist, dass das Unrechtsbewusstsein gegenüber Korruption und illegalem
Verhalten, vor allem wenn es um Fußball im Allgemeinen und den "Verein des
Herzens" im Besonderen geht, in Italien nicht sehr hoch ist. Und die Politiker
haben eine Heidenangst, Wählerstimmen zu verlieren, wenn sie sich öffentlich
"zu extrem" ausdrücken...
Die allgemeine Parole ist in Italien nach solchen Skandalen meist: "Vergessen, verzeihen, in die Zukunft
blicken". Ob das hilft, Ähnliches in Zukunft zu verhindern, ist stark zu bezweifeln.
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