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Kleine Geschichte Italiens von 1943 bis Berlusconi

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Obwohl der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit Jahren in zahlreichen Prozessen ununterbrochen vor Gericht steht (meist wegen Bestechung, Steuerbetrug oder Bilanzfälschung), scheint das viele Italiener nicht zu stören. Wie ist das möglich?


Silvio Berlusconi

Der Mills-Prozess

(Die Informationen über den Mills-Prozess stützen sich auf den Artikel im Blog www.italienischepolitik.de von Alessio Bellucci.)

18.2.2009 - Ein Mailänder Strafgericht hat in der Strafache "All Iberian" entschieden: Der britische Anwalt David Mills wurde wegen Bestechung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Mills wurde für schuldig befunden, von Berlusconis Fininvest-Konzern mit 600.000 Dollar zur Falschaussage bestochen worden zu sein. Das daraus resultierende Verfahren gegen Berlusconi selbst wurde nach Verabschiedung eines von Berlusconi gewollten Gesetzes eingestellt, das die Träger höchster Staatsämter während ihrer Amtszeit vor Prozessen schützt (den sog. "Lodo Alfano"). Und danach ist sowieso alles verjährt...

Endlich hätten die Mailänder Staatsanwälte die Chance gehabt, Berlusconi bestrafen zu lassen. Doch eine Verurteilung wird es nicht geben, denn der Lodo Alfano gewährt dem Premierminister absolute Immunität vor jeder staatlichen Gewalt. Berlusconi wollte mit diesem Gesetz gerade dies erreichen - und er hat es geschafft. Während andere in seiner Situation mit einer gerechten Strafe rechnen müssen, kann Berlusconi von seinem "Recht auf Aussetzung eines Strafverfahrens" genüsslich Gebrauch machen.

Spätestens heute kann man in dieser Angelegenheit laut sagen: Berlusconi hat seine politische Gewalt eindeutig für private Zwecke missbraucht. Machiavelli docet.

Die anderen Gerichtsverfahren, in die Berlusconi verwickelt war
(oder noch ist)

In Italien wurde Berlusconi bereits mehrmals vor Gericht angeklagt, meistens wegen des Vorwurfs der Korruption oder Bilanzfälschung und in Bezug auf Ereignisse vor seinem Eintritt in die Politik im Jahr 1994.

Berlusconi selbst sieht sich wegen der zahlreichen Anklagen als unschuldiges Justizopfer. Häufig beschuldigt er Staatsanwälte und Richter, politisch voreingenommen zu sein und behauptet, die italienische Justiz sei von Kommunisten unterwandert („Rote Roben“).

Die folgenden Angaben stützen sich auf Informationen der Enzyklopädie Wikipedia.

In kaum einem anderen europäischen Staat wäre es wohl möglich, dass ein Spitzenpolitiker mit einem "juristischen Lebenslauf" wie dem von Berlusconi (siehe unten) 14 Jahre lang Ministerpräsident bleibt. Wieso ist es in Italien möglich?

Die erste Antwort ist die, die Berlusconi selbst gibt: sein Vorstrafenregister ist makellos.
Was er dabei nicht sagt: fast immer wurde er aus irgendeinem Grund freigesprochen (manchmal, weil er schnell ein passendes Gesetz dazu gemacht hat, manchmal, weil die Richter bestochen wurden), der Prozess wurde eingestellt (oft, weil der Straftatbestand verjährt war und manchmal auch, weil die Richter Angst vor den politischen Konsequenzen hatten), oder er wurde, wenn er wirklich rechtskräftig verurteilt wurde, danach amnestiert.

Aber selbst die Italiener, die das wissen (viele wissen es nicht, weil die von Berlusconi beeinflusste Presse fast nie darüber spricht...), drücken oft angesichts der Straftatbestände ein Auge zu. Korruption, Schmiergeldzahlungen und Steuerbetrug sind in Italien dermaßen alltäglich, dass sie von vielen als "Kavaliersdelikte" angesehen werden. Und wer auf diesem Gebiet selbst etwas zu verbergen hat, wählt gerne einen Politiker, der diesbezüglich nicht allzu streng mit den Italienern (und mit sich selbst) vorgeht.

Berlusconi hat sich außerdem ein Image geschaffen, dass vielen Italienern sehr sympathisch ist: er präsentiert sich als "starker Mann", macht gern Späße - oft auch über Frauen - und ... er ist reich! Reiche Leute haben in Italien einen Bonus, reiche Politiker gleich zwei: wie die Erfahrung lehrt, kann die Freundschaft mit ihnen sehr nützlich sein. Ob es dabei sauber zugeht oder nicht, ist eine Frage, die in Italien oft als "weltfremd" abgetan wird...

Verurteilungen mit anschließender Amnestie

  • Meineid im Fall Propaganda Due: Berlusconis Name wird auf der Mitgliederliste der illegitimen Freimaurerloge "Propaganda Due (P2)" gefunden, seine Mitgliedsnummer ist 1816, sein Rang der eines "apprendista muratore", also eines Maurerlehrlings. Berlusconi hatte zuvor eine Mitgliedschaft abgestritten.

  • Bilanzfälschung im Fall Villa di Macherio: Es geht um den Kauf von Grundstücken rund um eine von Berlusconis Villen.

Freisprüche wegen Verjährung

  • Drei Schmiergeldzahlungen an die Finanzpolizei: Das Delikt verjährt deswegen, weil das Berufungsgericht „mildernde Umstände“ attestiert.

  • Bilanzfälschung im Fall Lentini: Beim Kauf eines Fußballspielers wurde mehr Geld gezahlt als offiziell angegeben.

  • Richterbestechung im Fall Lodo Mondadori: Das Berufungsgericht stuft den Fall als „einfache Korruption“ und nicht als „Korruption in Gerichtsverfahren“ ein, deswegen ist der Fall verjährt.

  • Richterbestechung im Fall Sme-Ariosto 1: Es geht um den Kauf und Verkauf des staatlichen Lebensmittelkonzerns Sme.

  • Schmiergeldzahlung an den ehemaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi

Freisprüche aus Mangel an Beweisen

  • Schmiergeldzahlung an die Finanzpolizei

  • Bilanzfälschung beim Kauf des Unternehmens Medusa Cinematografica

  • Richterbestechung im Fall Sme-Ariosto 1

  • Bilanzfälschung im Fall Sme-Ariosto 2

Anklagen, die inzwischen keinen Straftatbestand mehr darstellen

  • Bilanzfälschung im Fall All Iberian: Ein von der Regierung Berlusconi  erlassenes Gesetz schaffte den Straftatbestand ab.

Freisprüche

  • Illegale Aneignung, Steuerbetrug und Bilanzfälschung im Fall Villa Macherio: Es geht um den Kauf von Grundstücken rund um eine von Berlusconis Villen.

  • Richterbestechung im Fall Sme-Ariosto 1

Archivierte Untersuchungen

  • Drogenhandel: Nach einschlägigen Hinweisen hörte die Finanzpolizei eine Zeit lang die Telefonleitungen Berlusconis ab, konnte aber nichts Verdächtiges in Erfahrung zu bringen.

  • Preisabsprachen RAI-Fininvest: Berlusconi wurde angeklagt, als Ministerpräsident Preisabsprachen bei der Fernsehwerbung zwischen der staatlichen Anstalt RAI und seinem Medienkonzern Fininvest vorangetrieben zu haben.

  • Schmiergeldzahlung an Beamte im Finanzministerium: Berlusconi soll Schmiergelder gezahlt haben, um eine Steuersenkung auf Bezahlfernsehen zu erreichen und Rückzahlungen zu erhalten.

  • Mafia-Anschläge ’92-’94: Berlusconi wurde verdächtigt, Auftraggeber mehrerer Attentate zwischen 1992 und 1994 gewesen zu sein. Die Untersuchungen stützten sich dabei auf mehrere Aussagen von festgenommenen oder übergelaufenen Mafiosi.

  • Verdacht auf äußere Mitwirkung an einer mafiaartigen Vereinigung und Geldwäsche in Palermo

  • Bilanzfälschung der Fininvest von 1988 bis 1992

  • Bilanzfälschung der konsolidierten Fininvest

Laufende Verfahren (März 2009)

  • Missachtung des Anti-Trust-Gesetzes in Spanien und Steuerbetrug durch das Berlusconi-Unternehmen Telecinco: Das Verfahren wird aufgeschoben, um die Beziehungen zwischen Italien und Spanien nicht zu belasten.

  • TV-Rechte, Bilanzfälschung, Steuerbetrug, Veruntreuung

Dieser Artikel wurde auch im Blog von Alessio Belucci veröffentlicht:

www.italienischepolitik.de
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