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Die Versilia ist der nördliche Teil der toskanischen
Küste, sie grenzt im Norden an Ligurien und geht im Süden in die Maremma über.
Im Gegensatz zur Adria ist hier die Dichte an einheimischen Feriengästen hoch,
die Speisenkarten sind nur ausnahmsweise in Deutsch. Italienischkenntnisse sind
hilfreich und die Gegend ist keine wirklich billige Urlaubsregion. Natürlich
gibt es da Unterschiede, so sind Forte dei Marmi und Viareggio teurer als die
kleineren Orte wie etwa Lido di Camaiore, unser Ziel. Hinter dem breiten
Sandstrand liegt ein Küstenstreifen von bis zu etwa 10 km Breite, danach ragen
die apuanischen Alpen steil empor.

Der Lido di Camaoiore
Lido di Camaiore liegt zentral für viele Ausflüge zu
Sehenswürdigkeiten in Nord und Süd. Die kleine, einfache (**) "Albergo Verbena"
hatte ich bereits mehrfach besucht, sie liegt zwei Minuten zu Fuß vom Strand an
einer leider nicht gänzlich verkehrsarmen Kreuzung (die wird man aber wohl in
der ganzen Gegend vergeblich suchen). Dafür passen auf den Parkplatz nur
Kleinwagen und die Gastgeber sprechen nur Italienisch. Kurz: uns gefällt es
hier.
Samstag
So zogen wir (Anke, 6, und der Papa) also an einem grauen Frühlingstag im Allgäu
los. Es sollte über den Lago Maggiore gehen, als "Pfadfinderei" für den Sommer,
außerdem kenne ich die Brennerstrecke nun langsam auswendig. Wir fuhren also die
A96, durch den Pfändertunnel, in Richtung Schweiz, durch den San
Bernardino-Tunnel nach Locarno. Leider war hier das Wetter noch weniger
attraktiv als daheim: strömender Regen bei 11°C. So hatten wir uns diesen Teil
der Alpensüdseite eigentlich nicht vorgestellt und verließen ihn möglichst
schnell wieder. Es ging nun am Westufer des Lago Maggiore (Gardaseefeeling) nach
Italien, dann auf die Autobahn Richtung Genua. Bei Vercelli dachten wir zunächst
an Überschwemmung: Wasser von Horizont zu Horizont. Bei genauerer Betrachtung
stellte sich aber heraus, dass es sich um unendliche
Reisfelder handelte.
Auf der Autobahn durch Genua zu fahren ist gewöhnungsbedürftig: man fährt
abwechselnd durch Tunnel und hautnah an Gärten und Balkons vorbei. Die Anwohner
könnten auf der Standspur (wenn es sie denn durchgehend gäbe) einen
Drive-in-Betrieb aufmachen! Andere scheint diese Perspektive plus der
gelegentliche Blick aufs Meer noch stärker abgelenkt zu haben: am Rand stand ein
zerknüllter Reisebus.
Als dann Anke nach Wurfgegenständen suchte, wenn die Standardantwort "Nur noch
eine halbe Stunde" kam, waren wir auch schon da und bezogen unser Quartier.
Jetzt bei über 20°C und Sonne schnell ans Meer! Die geschlossene Front der Bagni
(Strandbäder) war noch durchlässig, in der Saison muss
man einen freien Zugang zum Meer schon suchen, die Plätzchen ohne Liegstuhlzwang
sind dann rar.
Am Straßenrand dufteten die Jasminhecken, der Cappuccino schmeckte in der
Strandbar "Sirena" noch mal so gut, die Geschäfte öffneten Samstag Nachmittag ab
vier wieder, kurz: Urlaubsstimmung in bell'Italia!

Da kommt Urlaubsstimmung
auf...
Schnell noch die notwendigsten Einkäufe erledigt,
beim freundlichen Gemüsehändler schräg gegenüber die letzten noch fehlenden
italienischen Euromünzen besorgt und dann wieder ans Wasser. Leider war es zum
Baden noch zu kalt.
Sonntag
Nun wieder etwas Autofahren: die Marmorbrüche von Carrara besuche ich nur
Sonntags, da ich keine Lust habe, mich auf den einspurigen Zufahrten mit
schwerstbeladenen, bergab fahrenden LKW anzulegen.

Die Marmorfelsen von Carrara

Brücke bei den Marmorsteinbrüchen
Wir
nahmen die Landstraße durch Massa und bewunderten die dortige Orangenbaumallee
und (kurz) den Dom. Oben in den Bergen, die schon von der Autobahn aus
schneebedeckt aussehen, es aber nicht sind (weißer Marmor), wartete auf uns das
"cava museo" mit den Zeugnissen jahrhundertelangen
Marmorabbaus. Anke fand besonders eindrucksvoll das lebensgroße
Marmorochsengespann vor dem Wagen. Hier gibt es auch Marmor-Mitbringsel von
schön bis kitschig zu deutlich geringeren Preisen, als für die gleichen
Gegenstände in den touristischen Hochburgen verlangt wird.

Im
Marmormuseum von Carrara
Das alte Carrara selbst ist schön italienisch mit engen winkligen Sträßchen am
Hang. Die Zufahrt ist dafür umso breiter und auch nur mäßig attraktiv. Den
Nachmittag verbrachten wir wieder in der extra großen Sandkiste mit
Wasserspülung.
Montag
Auch heute wollte ich wieder etwas von der Toskana sehen:
wir fuhren über Landsträßchen nach Lucca, parkten auf dem großen kostenlosen und
immer vollen Parkplatz vor der Porta S. Donato, da dort ein Kinderspielplatz
direkt hinter der Stadtmauer liegt. Ideal, wenn sich Kinder nach der Autofahrt
austoben wollen. Lucca bella, oft besucht, geliebt und immer wieder von neuem
Wert, aufgesucht zu werden. Der "torre di guinigi" kostet mittlerweile 3,10 €
Eintritt, dafür waren wir oben alleine. Irgendwann möchte ich auch so einen
kleinen Dachgarten in Lucca haben, wie man sie von dort sehen kann! Die passeggiata
auf der Stadtmauer wurde von Anke relativ kurz gehalten, jedoch sind wir noch
kreuz und quer durch die wunderschöne Stadt gezogen. Cappuccino und Cola
(Kinderbenzin) steigern das Wohlbefinden noch. Mein nächster Aufenthalt hier
wird aber länger und ohne Kinder sein!

Die Vespa Fabrik "Piaggio"
Nach Lucca wollten wir das Vespamuseum (Museo Piaggio) beim Werk in Pontedera
besuchen. Auf dem Weg liegt Pisa, wir konnten uns davon überzeugen, dass
der schiefe Turm nun wieder ohne "Hosenträger" dasteht und bestiegen werden
kann. Die Menschenmassen haben wir uns allerdings erspart und sind nur kurz auf
der "piazza dei miracoli" geblieben. Sogar Anke mit ihren 6 Jahren war ja nun
schon ein paar Mal dort.
Leider war das Vespamuseum heute geschlossen! Als Trost gab es an der Strecke
dafür einen McD, so dass meine kleine Beifahrerin wieder
versöhnt war. Am örtlichen Coop konnte ich meinen Vorrat an Illy-Espressopulver
für zu Hause wieder aufstocken. Dieses auch in der Heimat unverzichtbare Getränk
ist hier "an der Quelle" immerhin knapp 2 Euro pro Dose billiger.
Dienstag
Genug Auto gefahren! Heut ist Strandtag! Dieses Motto war so gut wie das Wetter,
man konnte kurz ins Wasser. Dort haben wir Krabben gefangen, in selbstgegrabenen
Aquarien gesetzt und Muscheln dabei zugesehen, wie sie sich mit Hilfe ihres
Fußes ruck-zuck in den Sand eingraben.

Am Strand...
Ein sehr freundlicher Muschelfischer
schenkte Anke viele leere Schalen, auch Schneckenhäuser und erzählte uns von
seiner Tochter, die in Baden-Württemberg studiert hatte. Wenn man ein wenig
Italienisch spricht, lernt man oft sehr nette und interessante Menschen kennen.
So ein Strandtag hat den Vorteil, dass man endlich mal
zum Lesen kommt (wenn die Tochter einen läßt). "Cryptonomicon" von Neal
Stephenson ist sehr spannend und sehr dick, genau die richtige Urlaubslektüre.
Mittwoch
Heute sollte bei Piaggio wieder geöffnet sein, also fuhren wir hin. Anke ahnte
noch nicht, dass wir heute trotz brütender Hitze fast 400
km vor uns hatten. Abwechselnd Schiebedach und Klimaanlage sowie der bekannte
McD bei Pontedera hielten bei Laune. Da Anke gerne auf meiner Vespa mitfährt
(und, da noch vorne sitzend, auch gerne selbst Gas gibt) war sie sehr gespannt
auf das Museum.

Das Vespa-Museum
Außen stehen zunächst ein Flugzeug und ein Eisenbahn-Triebwagen,
dann aber kommen doch noch die Zweiräder. Eintritt ist frei, drinnen wurden wir
aber sehr schnell von einem Aufseher angehalten, der wissen wollte, ob wir einen
Fotoapparat dabei hätten. Hatten wir natürlich, ich war aber ob dieses Empfangs
im Zweifel, ob Fotografieren hier erlaubt sei, sprich, ob ich das zugeben
sollte. Er leitete uns dann in einen normalerweise nicht zugänglichen Nebenraum,
wo Anke auf einer LKW-großen Vespa zum Fototermin Platz nehmen durfte. Hier gab es auch noch diverse andere Kunstwerke zu
bewundern: einige Vespen mit Gras bewachsen, in Kuhfell gekleidet und mit
Schauben und Muttern überzogen. Auch die reguläre Ausstellung
mit den Oldtimern, dem Feuerwehrdreirad Ape mit Sattelauflieger, der
Beiwagenvespa und vielen anderen Sondermodellen bis hin zum Tragschrauber ist
sehenswert! Zum Abschluss durften wir dann noch einen
Kalender mitnehmen.

Das Italien der 50er und 60er Jahre...
Nach diesem Museumsbesuch wollte ich weiter nach Süden, eine kleine Rundreise an
viele bereits besuchte Orte, mit dem Höhepunkt San Galgano, der Kirchenruine,
die ich noch nicht in Natura gesehen hatte. Auf dem Weg dorthin sahen wir
Monteriggioni und Siena, das wir aber im letzten Jahr schon ausführlich besucht
hatten und daher dort diesmal nicht aussteigen wollten.
San Galgano liegt mitten in der "Pampa" zwischen Siena und dem Meer. Diese
Kirchenruine mit Kloster war leer, eine italienische Schulklasse musste
draußen in der sengenden Sonne bleiben und das Bauwerk zeichnen. Wir hatten das
imposante Kirchenschiff für uns und konnten viele Eindrücke und Fotos mitnehmen.
 
Die Kirchenruine San Galgano
Die Strecke von San Galgano nach Follonica ans Meer ist eine Genussstrecke
wie im Chianti: Laubwälder und viele Kurven, ideal für Motorradfahrer.
Allerdings fuhren wir hier durch meine erste italienische Radarfalle, zum Glück
galt sie der Gegenrichtung. Wir wurden zuerst blinkend vom Gegenverkehr gewarnt,
dann stand irgendwann ein Polizeipanda zum Kassieren am Rand und dann, nach dem
nächsten Dorf kam die Messstelle. Das unauffällige Auto stand hinter einem
Gebüsch, nach einer langen, schnurgeraden Gefällestrecke an einem 50-Schild nahe
des Dorfeingangs. Die Lichtschranke wird ins Fenster gehängt und macht sich bei
dem italienischen Fahrstil und den gesalzenen Strafen bestimmt an einem Tag
bezahlt.
In Follonica bogen wir bei 28°C auf die Aurelia (SS1) Richtung Norden ab. Wir
kamen an San Vincenzo vorbei (dort waren wir beide vor zwei Jahren) und trafen
auf der Schnellstraße auf die nächste Radarfalle, diesmal galt sie uns. Nach
zwanzig Jahren Italien die ersten beiden Radarfallen an einem Tag! Wer
allerdings an einem auf der Standspur stehenden Polizeiwagen zu schnell
vorbeifährt, hat es nicht besser verdient. Hier werden sie nicht viel
eingenommen haben.
Südlich von Livorno hat man dann wunderbare Sicht auf die felsige Steilküste und
das Meer, die Straße ist eng und befahren - also Zeit zum Genießen. Livorno habe
ich bisher nur umfahren, heute wollten wir es nicht anders halten, denn die
ortsansässige Industrie stinkt schlimmer als die heimatlichen Odelwiesen.
Donnerstag
Nach dieser Autoorgie war wieder ein Strandtag fällig. Es war fast schon zu warm
dafür, Liegestühle mit Schirm sind aber deftig teuer. Das Meer war zum Schwimmen
nach wie vor nicht warm genug, kurz erfrischen war das höchste der Gefühle. So
haben wir wieder viel Sand gebuddelt, Schiffe beobachtet, Muscheln und Krabben
gefangen, Cappuccino geschl..., naja getrunken, und gelesen. Am Strand lagen
lauter kleine blaue, vertrocknende Quallen, die allerdings auch dann nicht
brannten, wenn mal eine übersehen hatte und drauf
getreten war. Abends gingen wir dann wieder ins "La griglia del mare", das sich
zu unserem Stammlokal entwickelt hatte. Zwar nicht billig, aber gut erreichbar
und sehr, sehr lecker. Es wurde überwiegend von Ortsansässigen besucht, was ich
als gutes Zeichen betrachtete.
Auch hier musste ich nach einem Pastagang die bistecca (fiorentina)
probieren, aber ich denke, ich bin nun geheilt. Bistecca fiorentina heißt
nämlich immer, ein außen fast verkohltes und innen rohes Stück Rindfleisch mit
Knochen, einem T-bone-Steak entsprechend. Früher nannte man es "carbone"
(Holzkohle), aber das war wohl zu entlarvend.
Andere Sachen waren leckerer, so Risotto, diverse Paste und erst recht der
Schwertfisch (pesce spada), den auch Anke ausgezeichnet fand. Wir hatten einen
Stammplatz neben dem Kühltisch, auf dem man sich den Fisch, die Meeresfrüchte
und die noch lebenden Hummer selbst aussuchen konnte. Sehr interessant für
Kinder. Wer weniger Geld ausgeben möchte, kann hier aber auch ausgezeichnete
Pizze essen.
Gewonnen hatte das Lokal natürlich endgültig, als zu meinem caffè ein
Kindercaffè (Milchschaum) kam. Wir wurden zudem im Laufe der Tage überreichlich
mit stets unberechneten (!) Kostproben verwöhnt: Erdbeeren und Kuchen als
Nachspeise für Anke, Scampi in Öl/Zitrone, Polpapatate (warmer Kartoffelsalat
mit Tintenfisch), Chiantiprobe, Moscato-Dessertwein, Ramazotti, Sardellen in Öl
und Nußschokoladentorte.
Freitag

Cinque Terre
Heute wollte ich Anke die Cinque Terre zeigen. Mit Tim war ich vor Jahren schon
einmal die schmale Straße von La Spezia oberhalb der Dörfer ("terre") gefahren,
aber nicht in eines der Dörfer selbst gekommen. Diesmal fuhren wir Autobahn nach
La Spezia, von dort nach Manarola und genossen auf dem Weg die wunderbare
Aussicht auf die Steilküste und das Meer. Mit Tim hatte ich damals das Einlaufen
des italienischen Segelschulschiffs "Amerigo Vespucci" in den Militärhafen von
La Spezia erlebt, diesmal war uns das nicht vergönnt.

Das Segelschulschiff "Amerigo Vespucci" vor La
Spezia
Manarola ist vom (natürlich kostenpflichtigen) Parkplatz aus gut zu Fuß zu
erreichen und sehr malerisch über das türkise Meer an den Fels geklebt. Leider
ist es auch in der Hitze des Spätvormittags touristisch total überlaufen.
Besonders komisch empfanden wir die japanische Knipswut, die sogar dazu führt,
dass Leute (auch eigentlich unbeteiligte "Opfer")
regelrecht in Position dirigiert werden. Italienisch mit japanischem Akzent ist
auch eine eigene Erfahrung. Dafür konnten wir eine sehr spezielle Technik
bewundern, ein Boot ins alte Hafenbecken zu befördern.
Wenn man fotografieren will, sollte man (wie eigentlich immer im sonnigen
Italien) morgens oder abends da sein, dann ist es auch leerer, die Farben werden
besser und es gibt interessantere Motive.
 
 
Manarola
Ein längerer Besuch der Cinque Terre ist unbedingt empfehlenswert. Man sollte
dann mit dem Zug von Dorf zu Dorf fahren und die vielen Wanderwege nutzen, auch
wenn sie bereits in Reiseführern als überfüllt beschrieben werden.
Nachdem das Meer zurück in Lido di Camaiore schlagartig Badewannentemperatur
erreicht hatte, konnten wir uns am Nachmittag noch ausgiebig ins Wasser stürzen.
Die Quallen konnten wir umschwimmen, da sie heute wie kleine blaue Segelschiffe
an der Oberfläche trieben.
Samstag
Schnief: die Woche ist schon wieder rum. Sehr schade! Es hilft aber nichts:
Heimfahrt via La Spezia, Mantova, Brescia, Brenner. Gewaltige Staus vor La
Spezia in Richtung Meer. Daheim im Allgäu dann wieder Gewitter und relative
Kühle. Man sollte doch einmal ernsthaft über das Auswandern nachdenken!
Text und Fotos:
Ulrich Hondelmann
Die Homepage von Ulrich Hondelmann:
www.italianita.de |