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Die Vulkaninsel Stromboli

Ralf Gryl erzählt hier von seinem Aufstieg zum 930m hohen Gipfel des Vulkans, der in ständiger Aktivität ist. Dazu Fotos und Infos über die Insel Stromboli und den Vulkan.

Was man über die Insel Stromboli wissen sollte:

Stromboli, Sizilien Die Insel Stromboli gehört zur Gruppe der Äolischen Inseln, die Sizilien vorgelagert sind. Stromboli ist nur mit dem Schiff zu erreichen, von Milazzo und Messina (Sizilien), von Neapel und im Sommer auch von Tropea (Kalabrien). Auf der Insel gibt es keinen Autoverkehr. Die einzigen Transportmittel sind  elektrische Mofas, motorisierte Dreiräder und Esel. Die Insel hat ca. 400 Einwohner, die in 2 Ortschaften leben: Ginostra und San Vicenzo.

Der Vulkan Stromboli:

Die Insel besteht praktisch nur aus dem Vulkankegel, der ca. 930m aus dem Meer herausragt, vom Meeresgrund aus gemessen ist der Vulkan ca. 2.600m hoch. Der Stromboli hat drei Krater und ist in ständiger Aktivität, er ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. In Abständen von durchschnittlich 15 Minuten gibt es größere oder kleinere Eruptionen mit lautstarkem Auswurf von Gesteinsbrocken und Lavaspritzern. Das ausgeworfene Material fällt jedoch normalerweise in die Krater zurück. Neben dieser normalen Aktivität, die immer von Rauchwolken und feinstem Vulkanstaub begleitet wird, gibt es jedoch auch stärkere Ausbrüche mit regelrechten Lavaergüssen, die in der Regel jedoch alle zur nicht bewohnten Westseite des Vulkans erfolgen, über die sogenannte "Sciara del Fuoco". Der größte Ausbruch des Vulkans mit Lavaflüssen auch zur bewohnten Seite der Insel erfolgte im Jahr 1930 und hatte drei Todesopfer zur Folge. Die letzten größeren Ausbrüche waren in den Jahren 2003 und 2007 mit beträchtlichen Lavaergüssen über die Sciara del Fuoco und Auswürfen von Gesteinsbrocken, die einige Häuser in Ginostra zerstörten, aber glücklicherweise keine Opfer forderten.

Stromboli
Die Insel Stromboli

Der Vulkan steht unter ständiger Überwachung. In den Zeiten stärkerer Aktivität ist er für Touristen natürlich gesperrt, bei "normaler" Aktivität kann man ihn jedoch zu Fuß in etwa 3 Stunden ersteigen (in geführten Gruppen) und kann vom höchsten Beobachtungspunkt aus, der etwas oberhalb der Krater liegt, ein unvergleichlich spektakuläres Schauspiel erleben.
Stromboli
Eine Eruption des Vulkans, bei Nacht

Meine Besteigung des Stroboli:

Im Jahr 1982 hatte ich selbst die Gelegenheit den Vulkan zu besteigen. Damals konnte man noch auf eigene Faust den Aufstieg angehen und sogar, ausgerüstet mit der richtigen Kleidung und mit Schlafsack, in der Gipfelregion die Nacht verbringen - was ich mir nicht entgehen ließ - natürlich in gebührendem Abstand von den Kratern. In der Nacht ist die Aktivität des Vulkans noch spektakulärer, man kann dann nicht nur die Explosionen, die Materialauswürfe und die Rauchwolken sehen und hören, man fühlt nicht nur, bei stärkeren Eruptionen, das leichte Zittern unter den Füßen, man sieht auch deutlich die rote Glut der Krateröffnungen und der Lavaspritzer. Auf die Dauer wird der feine Lavastaub, der jede Eruption begleitet, jedoch ziemlich lästig: nach einiger Zeit spürt man ihn in Nase und Mund und die Gesichter werden nach und nach von einem zarten Grauschleier überzogen. Auch mein Fotoapparat musste damals dran glauben: nach einem Wechsel der Filmrolle ließ er sich nicht mehr richtig schließen: Fotos Ade...
Stromboli
Eine Eruption des Vulkans, bei Tag

Der Bericht von Ralf Gryl:

Ralf Gryl hat im Frühjahr 2007 mit seiner Frau drei Monate auf der Insel Alicudi (oben auf der Karte, ganz links) verbracht und über dieses Erlebnis ein schönes Buch geschrieben (siehe die Buchbesprechung: Alicudi - Auszeit auf einer Vulkaninsel). Natürlich wollten auch sie die nahe gelegene Insel Stromboli besuchen und den Vulkan besteigen. Der Bericht darüber, der dem Buch entnommen ist, zeigt deutlich die Faszination eines solchen Unterfangens.
Der Bericht beginnt in dem Moment, in dem Ralf und seine Frau Kerstin mit der Fähre an der Insel Stromboli anlegen:
Stromboli
Die drei Krater des Vulkans, fotografiert vom Beobachtungspunkt oberhalb der Krater.
Das Hellblaue im Hintergrund ist das Meer.
"Kurz vor Mittag haben wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen und die Insel Stromboli empfängt uns mit Menschenscharen und lautem Motorengeknatter. In den schmalen Gassen müssen wir uns alle Augenblicke an die Hauswände drücken, wenn sich die „Ape"-Dreiräder ihren Weg bahnen. Jetzt überholt uns das Inseltaxi, ebenfalls ein „Ape"-Dreirad. „Stromboliana" heißt das Gefährt, so ist auf einem Schild am Fahrerhaus zu lesen. Auf der offeneit Ladefläche sind zwei schmale Sitzbänke befestigt - na dann gute Fahrt!

Ein nervenschonender Urlaubstag wird dies wohl nicht, aber das war uns von vornherein klar. In der Bar „Ingrid" am Kirchpiatz von San Vincenzo gönne ich mir erst einmal einen Cappuccino und ein Hörnchen mit Marmeladenfüllung. Auch Kerstin holt sich vom reichhaltigen Büffet ein Gebäckstück.

Die Agentur der Vulkanführer, werbewirksam „Magmatrek" genannt, hat schon geöffnet. Wir erledigen die Formalitäten, tragen uns in die Namenslisten ein und leisten mehrere Unterschriften. Verständlich, man will sich absichern, denn schließlich ist der Stromboli ein aktiver Vulkan und kein Disneyland mit Lasershow. Wir denken wehmütig ans Jahr 2001 zurück, als man es noch nicht so genau nahm und wir führer- und formalitätenlos dem Stromboli aufs Haupt steigen durften.

Der Vulkan bringt sich durch achtungserheischende Geräusche in Erinnerung. Mal ein dumpfer Knall, dann ein Pfeifen, wie bei einem vorbeifliegenden Düsenjet. Gleich hinter dem verfallenen Friedhof von Stromboli finden wir einen neu angelegten Pfad, der mit wunderschönen Ausblicken auf Stromboli-Ort an der Flanke des Vulkanriesen entlang führt. Dann verfolgen wir diesen herrlichen Höhenweg bis zum alten Observatorium, in der heißen Nachmittagssonne eine schweißtreibende Angelegenheit. Doch zum Glück bleibt uns noch eine Ruhestunde auf dem Kirchplatz von San Vincenzo, bis wir uns um 16 Uhr vor dem "ufficio", dem Büro der Bergführer, einfinden.

Die Straße vor dem kleinen Geschäft ist voll von Menschen, die genau wie wir heute Abend dem Vulkan aufs Haupt steigen wollen. Es herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Deutsche, englische und französische Satzfetzen erreichen unser Ohr. Die Warteschlage an der Tür des ufficio ist beachtlich, aber nach und nach erhalten alle Hobby-Vulkanologen nach Zahlung von 22 Euro einen Schutzhelm, dessen Farbe sie einem bestimmten Bergführer zuordnet. Mir ist es sehr sympathisch, dass wir zu den „Roten" gehören, die von Mario auf den Berg geführt werden. Außer den rotbehelmten werden noch Escursionisti mit grünen, blauen und weißen Kopfbedeckungen heute Abend am Berg unterwegs sein. Vier Gruppen mit je zwanzig Teilnehmern wollen also dem Feuergott Volcanus huldigen. Nun gut, von Einsamkeitsgefühlen werden wir also in jedem Fall verschont bleiben.

Der Aufstieg erfolgt über einen neu angelegten Weg, den wir im unteren Teil schon von unserer Nachmittagswanderung kennen. Der alte Weg, der von Norden her auf der Bergflanke an der Sciara dei Fuoco vorbei nach oben führt, gefällt mir besser. Doch wir haben keine Wahl. Eng hintereinander gehend, nehmen wir mit stoischer Gelassenheit die unzähligen Serpentinen. Alle 30 bis 40 Minuten macht Mario eine Pause und erzählt in seinem italienisch eingefärbten Englisch Wissenswertes über den Vulkan Stromboli. Die Luft ist heute sehr klar, und er erklärt uns auch, wo man das italienische Festland, die Straße von Messina und Sizilien erkennen kann.

Je höher wir kommen, um so kälter wird es. Ich ziehe alle verfügbaren Jacken an. Jetzt kommt auch noch Nebel auf. Sturm, Nebel und Kälte nehmen zu und meine Motivation immer mehr ab, als Mario erklärt, dass auf dem Pizzo keine Sicht sei und wir erst einmal weiter unten ausharren wollen. Diese Stelle kennen wir schon! Hier, an diesen Steinwällen, haben wir auch schon vor fünf Jahre gewartet, gefroren und ein paar Verlegenheitsfotos geschossen. Genauso wie damals ist die Sicht gleich Null. Immer wieder zieht Nebel vom Meer hoch - unverständlich bei dem herrlichen Wetter, das wir heute hatten.

Doch der kalte Sturmwind, der uns schlottern lässt, hat auch sein Gutes: Hin und wieder reißt der Nebel auf und das Meer mit der untergehenden Sonne wird sichtbar. Plötzlich ein Knall! Feuer ist nicht zu sehen, doch über der Wasserdampfwolke, die den Krater verdeckt, fliegen Steine vor dem dunkler werdenden Abendhimmel! Mit klammen Fingern stelle ich das Stativ auf, montiere die Kamera und peile die Richtung an. Schon wieder eine Eruption! Diesmal sieht man auch den roten Feuerschein in der Wolke!

Wie schön: An diesem Abend zeigt uns der Vulkan nicht die kalte Schulter. Mit dem Einbruch der Dunkelheit werden wie von Zauberhand alle Nebelschleier weggezogen. Wir haben freien Blick auf einen Krater, der uns fast im Zehnminuten-Abstand mit einer Feuergarbe entzückt, die wir hier, im gebührenden Abstand, betrachten und fotografieren können.

Aus der geplanten einen Stunde auf dem Vulkan werden fast zwei, da uns Mario später auch noch auf den höhergelegenen Pizzo führt, der nun ebenfalls nebelfrei ist. Unter uns befinden sich vier "bocche", vier große Krateröffnungen, die abwechselnd ihr feuriges Spiel treiben. Alle in der Gruppe sind fasziniert, keine Gespräche stören die Pausen zwischen den Eruptionen. Nur der Sturm bläst mit unverminderter Heftigkeit und erzeugt ein orgelndes Geräusch an unseren Schutzhelmen.

Da, wieder eine Eruption! Ohne Vorwarnung schießt in Bruchteilen von Sekunden eine Feuergarbe aus dem linken Krater etwa 30 bis 40 Meter hoch. Ich reiße die Kamera herum - natürlich hatte ich gerade diesen nicht im Visier! Nach zehn Sekunden ist der Feuerzauber vorbei. Rings um die kreisrunde, orange leuchtende Krateröffnung bilden die glühenden Steine einen Wall, einen Minivulkan sozusagen. Freudige Rufe aus unserer Reihe begleiten jede Eruption. Der Sturm und die Kälte sind vergessen.

Seltsam - auch Angst kommt nicht auf. Viel zu sehr erinnert dies hier an ein gut inszeniertes Feuerwerk. Wir haben im Banne des Geschehens völlig vergessen, dass hier keine harmlosen Magnesiumfunken, sondern glühende Gesteinsbrocken durch die Luft fliegen. Brocken, wie sie überall hier oben im erstarrten Zustand herumliegen, faustgroß bis rucksackgroß, leicht, porös oder schwer wie Metall mit scharfen gezackten Rändern. Könnten unsere leichten Plastikhelme solch einem Hagel wirklich standhalten? Nein, ich gebe mich keinen Illusionen hin: Einen plötzlichen starken Ausbruch, wie er sich am 5. April 2003 ereignete, könnte niemand hier oben überleben. Damals wurden im Dörfchen Ginostra, Kilometer von hier entfernt, zwei Häuser durch Steinbornben beschädigt. Ein Felssturz an der Sciara del Fuoco löste einen Tsunami mit meterhohen Flutwellen aus, die um die Insel herumliefen und mehrere strandnahe Häuser im Hauptort zerstörten.

Da stellt sich natürlich die Frage, warum auf dieser Insel schon Jahrhunderte lang Menschen in so hautnaher Nachbarschaft mit einem unberechenbaren Vulkan leben. Ich denke nicht, dass es nur die Heimatliebe ist. Irgendeine Faszination strahlt dieser feuerspeiende Riese aus, der sich vom Meeresboden aus fast 2000 Meter in die Höhe reckt. Vielleicht ist es das unmittelbare, immer wieder aufgefrischte Wissen um die Allmacht der Natur, das die Menschen hier in den Bann zieht, und das es leichter macht als anderswo, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, menschlich zu bleiben, nicht überheblich und zerstörerisch zu werden.

Nun gut, zur Zeit hat der Vulkan ja seine normale, relativ ungefährliche „strombolianische Aktivität". Trotzdem bin ich erleichtert, als wir, noch steifgefroren vom kalten Sturm, über die Aschefelder der Rina Grande hinuntersteigen. Wir kommen mit Riesenschritten voran. Das Laufen auf der schwarzen Asche ist wie das „Abfahren" auf einem Altschneefeld in den Alpen. Vor uns windet sich die leuchtende Perlenkette der Taschenlampen die Bergflanken hinab - ein schönes Bild!

Ja, es ist ein Glückstag heute: Wir haben die Feuergarben auf dem Gipfel des Stromboli sehen können, und wir waren die einzige Gruppe am Berg, der so eine lange Beobachtungszeit vergönnt war. Ich freue mich, dass Kerstin die Initiative ergreift und sich bei Mario, unserem Bergführer, bedankt. Erst gegen 23 Uhr sind wir wieder in San Vincenzo und geben im Ufficio der Bergführer unsere Helme ab."

Siehe auch:

Alle Seiten über Sizilien:

Sizilien
Zwischen Stränden, Vulkanen und Kunstreichtümern: Von Palermo bis Syrakus. [Kapitel]

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