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Guido Mensching:
Einführung in die sardische Sprache
Wie alle romanischen Sprachen hat sich auch das Sardische aus dem gesprochenen
Latein (dem so genannten Vulgärlatein) entwickelt. Die Sprachen, die vor der
römischen Eroberung auf Sardinien existierten, wurden im Zuge der Romanisierung
völlig verdrängt. Eine Anzahl vorrömischer Elemente, vor allem Tier-, Pflanzen-
und Geländebezeichnungen, ging allerdings in die entstehende sardische Sprache
ein. Auffallend groß ist die Zahl der vorrömischen Ortsnamen. Aufgrund der
frühen Eroberung hatte das auf Sardinien gesprochene Latein einen archaischen
Charakter; zudem gelangten wegen der späteren Isolierung kaum Neuerungen auf die
Insel. So konnten sich vor allem in den unzugänglichen Gebirgszonen des Zentrums
archaische Elemente bis heute erhalten.
Im 11. Jahrhundert hatte sich das Sardische bereits als eigene Sprache
herausgebildet. In den altsardischen Texten aus der Zeit der Judikate lassen
sich zwar Ansätze zu einer dialektalen Zweiteilung erkennen (Altcampidanesisch
neben Altlogudoresisch), die Unterschiede waren jedoch äußerst gering. Erst die
geschichtlichen Ereignisse der folgenden Jahrhunderte führten zu einer weiteren
Zersplitterung der Sprache. Im Campidano (Süden) und im äußersten Norden wurde
das Sardische stark von der toskanischen Sprache der Pisaner beeinflusst. Während
der aragonesischen Herrschaft bestand hauptsächlich im Süden der Insel ein
sprachlicher Gegensatz zwischen städtischen und ländlichen Gebieten: Die Sprache
der Städte (in erster Linie Cagliari, Iglesias und Alghero) war überwiegend das
Katalanische, während die Landbevölkerung weiterhin sardisch sprach. Zahlreiche
katalanische Lehnwörter fanden Eingang ins Sardische, vor allem in die südlichen
Dialekte. Das Kastilische hingegen hinterließ seine Spuren hauptsächlich im
Norden. Seit der italienischen Einigung setzte sich das Italienische zunehmend als Kommunikationssprache durch. In den größeren städtischen Zentren
ist das Italienische inzwischen zur normalen Umgangssprache geworden. Dort
sprechen in der Regel nur die älteren Einwohner weiterhin sardisch. In den
ländlichen Gebieten herrscht Zweisprachigkeit: Im Alltagsleben wird fast
ausschließlich sardisch gesprochen, während das Italienische im öffentlichen
Leben und zur Kommunikation mit Fremden (auch zwischen Sprechern von stark
abweichenden sardischen Dialekten) verwendet wird. Ca. 80% der Bevölkerung (1,5
Mio. Menschen) spricht heute noch Sardisch. Durch die Zweisprachigkeit, vor
allem aber durch das italienischsprachige Schulsystem und die modernen Medien
ist eine zunehmende Italianisierung der sardischen Dialekte zu beobachten.
Die Entwicklung einer einheitlichen sardischen Nationalsprache, die sich zur
Zeit der Judikate abzeichnete, wurde durch die späteren politischen Ereignisse
unterbrochen. Hinzu kam die bereits erwähnte dialektale Differenzierung, als
deren Ergebnis wir heute eine stark zersplitterte Sprachlandschaft auf Sardinien
vorfinden: Die Hauptdialekte sind das Logudoresische und das Campidanesische.
Während das Campidanesische, das übrigens die größte Sprecherzahl aufweist,
einigermaßen einheitlich ist, zerfällt das Logudoresische in mehrere
Teildialekte (Nordlogudoresisch, Zentrallogudoresisch und "logudorese commune").
Das Zentrallogudoresische, auch als Zentralsardisch oder Nuoresisch bezeichnet,
wird von einigen Sprachwissenschaftlern als eigene Dialektgruppe betrachtet. Es
ist die Gruppe der Mundarten, die sich am wenigsten vom Altsardischen entfernt
haben, und in der sich zahlreiche lateinische Elemente besser erhalten haben,
als in allen anderen romanischen Sprachen und Dialekten. Eigene Dialektgruppen
bilden das Sassaresische und das Galluresische, die so stark italianisiert sind,
dass sie von einigen Forschern als italienische Dialekte eingestuft werden.
Weiterhin existieren zwei nicht-sardische Sprachinseln: Zum einen die Stadt
Alghero und Umgebung, wo noch heute ein Dialekt des Katalanischen gesprochen
wird, und zum anderen die Ortschaften Carloforte und Calasetta (Inseln
Sant'Antioco und San Pietro), die ligurische Mundarten haben.
Das sardische nationale Sprachbewusstsein, dessen Anfänge ins 16. Jahrhundert
zurückreichen, erreichte einen ersten Höhepunkt gegen Ende des 18. Jahrhunderts
und während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In einem 1882 erschienenen
Aufsatz stellt Matteo Maddao das Sardische auf eine Stufe mit den anderen
romanischen Nationalsprachen und versucht, auf der Basis einer latinisierten
Variante des Logudoresischen eine sardische Literatursprache zu schaffen. Ende
des 18. Jahrhunderts werden landwirtschaftliche Fachtexte und gegen das
piemontesische Regime gerichtete satirische Schriften auf Sardisch verfasst. Die
Entwicklung des sardischen Sprachbewusstseins wurde durch die romantischen
Strömungen gefördert. Hinzu kam die sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit
dem Sardischen: 1811 veröffentlicht Vicenzu Porru eine Grammatik und ein
Wörterbuch, 1840 erscheint die "Ortografia sarda nazionale" von Giovanni Spano,
eine sprachwissenschaftliche Beschreibung, die vor allem als Basis für einen
muttersprachlichen Schulunterricht dienen sollte. Obwohl zwischen 1850 und 1920
eine starke Entfaltung sardischer Volksdichtung zu verzeichnen war, gingen die
Bemühungen um das Sardische in der durch die italienische Einigung ausgelösten
Italianisierungskampagne unter und konnten erst in den fünfziger Jahren dieses
Jahrhunderts wieder aufleben. Zu diesem Zeitpunkt war die Erforschung der
sardischen Sprache vor allem durch die Arbeit von Max Leopold Wagner bereits
sehr weit fortgeschritten. In Sassari und Cagliari wurden Lehrstühle für
sardische Sprachwissenschaft eingerichtet. Die Literaturzeitschrift "S'Ischiglia"
zeigte sich um eine Vereinheitlichung des Sardischen bemüht. Eine weitere Phase,
die bis heute andauert, begann in den späten siebziger Jahren. Die Produktion
sardischer Texte wurde gesteigert, man begann mit ernsthaften Überlegungen zur
Kodifizierung des Sardischen, die durch seine Verwendung in Sachtexten und in
privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten unterstützt werden sollte. 1985 wurde in
Cagliari die "Sotziedade pro sa Limba Sarda" (Gesellschaft für die sardische
Sprache) gegründet. Eine offizielle Zweisprachigkeit gibt es auf Sardinien
allerdings bislang nicht, so dass das Sardische noch nicht als Schul- und
Verwaltungssprache verwendet werden kann. Am 9.4.1981 legte der sardische
Regionalrat dem italienischen Parlament zwar einen entsprechenden
Gesetzesentwurf über die Einführung einer offiziellen Zweisprachigkeit vor,
deren Annahme oder Ablehnung aber noch aussteht. Weiterhin herrscht allerdings
Uneinigkeit über die Sprachnormierung, vor allem bezüglich der zu wählenden
Variante und der Orthographie.
Textauszug aus:
Guido Mensching, Einführung in die sardische Sprache.
3. Auflage, 135 Seiten, Romanistischer Verlag
www.rv-hillen.de
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