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Italienische Gesellschaft
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Die amerikanische Forschungseinrichtung "Freedom House" klassifiziert die italienische Presselandschaft als "teilweise frei". Lesen Sie hier warum.
![]() Das Logo von "Freedom House" Wer ist “Freedom House”?
“Freedom House” ist eine
Forschungseinrichtung mit Sitz in Washington, D.C., die die Ideen
der liberalen Demokratie weltweit fördern will. Die Institution ist
vor allem bekannt für ihre jährlichen Berichte über den Grad
demokratischer Freiheiten, mit denen es den jeweiligen Stand der
bürgerlichen und politischen Rechte in jedem Land der Welt misst.
Diese Berichte werden oft in den Medien zitiert und von
Politikwissenschaftlern verwendet.
Der Jahresbericht 2010 über den Stand der Pressefreiheit in der Welt, den man hier einsehen kann: Freedom of the Press 2010 Global Rankings, ordnet insgesamt 196 Staaten der Welt in drei Kategorien ein: Free (frei), Partly free (teilweise frei) und Not free (nicht frei). Außerdem werden die Staaten der Welt noch mit einem differenzierten “Rating”-Verfahren klassifiziert. Dass die ersten Positionen von den skandinavischen Ländern besetzt sind, wird kaum überraschen. Deutschland schneidet hier noch einigermaßen gut ab, es belegt Platz 19: natürlich in der Kategorie "free", aber verbesserungswürdig, möchte man sagen. Und wo steht Italien in der Liste von “Freedom House”?
Unter den 69 Ländern der Welt, denen dieser Bericht das Attribut "free" bescheinigt, sucht man Italien
allerdings vergebens. Erst auf Platz 72, unter “partly free” (teilweise frei)
findet man das schöne Land, wo die Zitronen blühen. Italien ist natürlich keine Diktatur, und so muss dieses für viele
überraschende, nicht sehr positive Urteil wohl auch etwas mit dem
Journalismus zu tun haben, der sich in Italien in der Tat oft nicht
recht traut, frei zu sein.
Jeder, der Italien ein wenig kennt, wird ahnen, dass das etwas mit Berlusconi zu tun hat, der zwar nicht mehr Ministerpräsident ist, aber immer mindestens 50% des italienischen Fernsehens und der anderen Presse-Medien besitzt. Was bedeutet das konkret? Und was ist mit den anderen 50%? ![]() Die Klassifizierung der Pressefreiheit in den europäischen Ländern vorgenommen von "Freedom House" Vorbemerkung über die Rolle von Zeitungen und Fernsehen in Italien
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Deutschland und Italien besteht in der
Rolle der Zeitungen und des Fernsehens. Die Italiener lesen sehr viel
weniger Zeitungen als die Deutschen und beziehen ihre Informationen in weit
größerem Maße ausschließlich aus dem Fernsehen. Auch das Internet, das als
Informationsquelle in den letzten Jahren zwar an Bedeutung gewonnen hat,
spielt in Italien noch nicht die Rolle wie in vergleichbaren Ländern. Das
Fernsehen hat in Italien deshalb eine größere Macht und seine Unabhängigkeit
ist (oder besser gesagt: wäre) deshalb noch wichtiger als in anderen Ländern.
![]() Die Logos der drei Fernsehkanäle von Berlusconi Zwei Demonstrationen - zwei Arten der Berichterstattung
Ein Beispiel:
Im Dezember 2006, als Prodi (der damalige politische Gegner
Berlusconis) an der Regierung war, rief Berlusconi zu einer
Massendemonstration gegen die ungeliebte Regierung auf: Alle
drei Berlusconi-Fernsehkanäle (Rete4, Canale5 und Italia1)
begleiteten diese Demonstration den ganzen Tag über mit
Direktübertragungen, politischen Analysen und Studio-Diskussionen
zwischen Politikern und Journalisten.
Zwei Jahr später, Ende Oktober 2008, das gleiche Bild, oder besser gesagt: das gegenteilige Bild. Jetzt war Berlusconi an der Regierung und Veltroni, der damalige Gegner Berlusconis, rief zu einer Massendemonstration gegen die ungeliebte Regierung auf. Wieder demonstrierten, wie zwei Jahre vorher, Hunderttausende von Menschen auf den Straßen von Rom. Und was machten zur gleichen Zeit die drei Berlusconi-Fernsehkanäle? Rete4: zuerst „Perry Mason“ und dann „Psych – die Mörder-Mumie“. Canale5: zuerst „Verissimo“ – ein Klatsch- und Tratsch-Forum, und dann das auch in Deutschland bekannte Millionärsquiz. Italia1 sendete dagegen „Goonies“ einen amerikanischer Abenteuerfilm von 1985. Wie man sieht: 50% des italienischen Fernsehens sind politisch 100%ig gleichgeschaltet.
![]() Die Logos der drei großen staatlichen Fernsehkanäle Aber was macht das staatliche Fernsehen?
Das Direktorium der drei staatlichen Kanäle RAI1, RAI2 und RAI3 ist politisch besetzt, d.h.
jede Partei hat ihre Vertreter in diesem Gremium und auch wenn Berlusconi
nicht mehr an der Regierung ist, ist sein Einfluss auf das staatliche Fernsehen
immer noch stark. So gibt es im RAI-Fernsehen nur wenige
Journalisten, die den Mut haben, unabhängig von politischen Rücksichtnahmen aufzutreten. Und nicht
wenige davon wurden im Laufe der Zeit mit mehr oder weniger fadenscheinigen
Begründungen kaltgestellt.
Das traurigste Beispiel der Selbstzensur lieferte das öffentliche Fernsehen im Jahr 2002. Berlusconi war an der Regierung und ärgerte sich über einige Journalisten, die ihn im staatlichen Fernsehen immer wieder deutlich und scharf kritisierten. Während einer Bulgarienreise hielt er eine Pressekonferenz ab, die dann als „Bulgarien-Edikt“ in die Geschichte eingegangen ist: Berlusconi nannte öffentlich die Namen von zwei bekannten Journalisten (Enzo Biagi und Michele Santoro) und einem Komiker (Daniele Luttazzi), die seiner Meinung nach einen „kriminellen Gebrauch des öffentlichen Fernsehens“ betrieben hätten. Das öffentliche Fernsehen hätte „die Pflicht, das zu verhindern“. Kurz darauf setzte die RAI-Direktion die Sendungen der drei Journalisten ab. Offiziell aus rein formalen Gründen... Der einzige staatlich kontrollierte Fernsehrkanal, der sich gelegentlich traut, gegen die Gleichschaltung aufzumucken, ist RAI3, der allerdings der kleinste von den dreien ist und der ständig (leider nicht immer erfolgreich) um seine Freiräume kämpfen muss. Das sind nur einige der Hintergründe (viele andere ließen sich noch aufzählen) für das traurige Urteil von Freedom House: „Partly free“.
![]() Die Logos von La7, Sky und Servizio Pubblico Die (kleinen) Ausnahmen: La7, Sky und Servizio Pubblico
Seit einigen Jahren gibt es allerdings auch einige positive Ausnahmen. Der
private Fernsehsender La7, der nicht zum Berlusconio-Konzern "Mediaset"
gehört, ist zu einem Ort geworden, wo viele Journalisten und Künstler, die
aus politischen Gründen nicht mehr im staatlichen Fernsehen arbeiten können,
neue Arbeitsmöglichkeiten gefunden haben. Dass aber auch La7 nicht absolut
frei von politischen Beeinflussungen ist, zeigte die Tatsache, dass Michele
Santoro, der vielleicht bekannteste italienische Journalist, der nach
jahrelangen Streitigkeiten schließlich aus dem staatlichen Fernsehen RAI
ausschied und anfänglich bei La7 weitermachen wollte, auch dort aus nicht
sehr klaren Gründen abgelehnt wurde, obwohl seine politischen Talkshows
immer hohe Einschaltquoten garantierten.
Michele Santoro hat deshalb im Jahr 2011 ein neuartiges Experiment gestartet: "Servizio Pubblico", eine einmal pro Woche ausgestrahlte politische Informationssendung, die gestützt auf ein flächendeckendes Netz von privaten regionalen und lokalen TV-Sendern, auf Internet und das Pay-TV "Sky" auf nationaler Ebene regelmäßig Millionen von Zuschauern und erstaunliche 5-10% Einschaltquoten einbringt. Auch die Kanäle von "Sky" garantieren eine weitgehende Unabhängigkeit von den politischen Parteien, haben aber als Pay-TV natürlich nicht die gleiche Verbreitung wie die Kanäle des staatlichen RAI (die von Fernsehgebühren leben) oder die des Berlusconi-Konzerns Mediaset (die ausschließlich durch Werbung finanziert werden). "Die Unterwürfigkeit ist nicht nur Resultat der Härte der Mächtigen..."
Einer der großen italienischen (konservativen) Journalisten, der im Jahr 2001
verstorbene Indro Montanelli, sagte einmal: „Die Unterwürfigkeit ist in vielen Fällen nicht Resultat der Härte
der Mächtigen, sondern eine Versuchung derjenigen, die unterwürfig
sein möchten". Wie Recht er doch damit hatte…
Siehe auch: Italienische TageszeitungenLinks zu den wichtigsten nationalen und regionalen Tageszeitungen Italiens. Italienische ZeitschriftenMit italienischen Zeitschriften holen Sie sich ein Stück Italien ins Haus, außerdem können Sie so Ihre Italienischkenntnisse verbessern! Alle Seiten über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Italiens: Politik,
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