
"Jedes echte
Kunstwerk wird in geweihter Stunde empfangen,
oft dem Künstler unbewusst aus innerem Drange des Herzens."
Diese Worte von
Caspar David
Friedrich können sehr gut als
Leitlinie zum Verständnis des Bildes seines Zeitgenossen Johann Friedrich Overbeck (1789-1869) dienen. Es wurde sicherlich "aus innerem Drange"
geschaffen, und vieles von dem, was es uns sagen kann, ist wohl
unbewusst in das Bild eingeflossen.
Was Overbeck in Italien wollte Overbeck gehörte Anfang des letzten Jahrhunderts zu der so
genannten "deutschen Künstlerkolonie" in Rom, in der er, zusammen mit
einigen Gleichgesinnten, die Gruppe der "Nazarener" bildete, die in
gewisser Weise den radikalen Flügel der Künstlerkolonie darstellte.
Diese Künstler suchten in Italien Inspiration: die Landschaften, die
Nähe zur Kunst der Antike und der Renaissance und eine romantische
Sehnsucht nach dem Unbekannten waren die Gründe, die sie nach Italien
zogen. Overbeck war aber nicht nur deshalb nach Italien gekommen, er
suchte in Italien auch ein tieferes mystisch-religiöses Erlebnis.
Seine Reise nach Italien, wo er für den Rest seines Lebens blieb, war
auch eine Art Flucht in die Vergangenheit, in die Zeit des
mittelalterlichen Kaisertums, in der es noch einen
Glauben und eine Kirche gab, in eine heile Welt und ein
Ideal, das er in der deutschen Wirklichkeit, die von der beginnenden
industriellen Revolution gekennzeichnet war, nicht mehr wiederfand.
Die Religiosität, die er in Italien suchte und fand (was nicht
bedeutet, dass sie auch wirklich so
existierte), begeisterte ihn. Er, der früher Protestant war, wurde ein
fanatischer Katholik, der allen Ernstes die Wiedereinführung der
Inquisition und die öffentliche Ausprügelung heidnischer Abtrünniger
am Pranger forderte. Der aufkommende Realismus ließ den für zwanzig
Jahre bekanntesten deutschen Künstler jedoch nach und nach in
Vergessenheit geraten.
Was der Künstler mit seinem Bild
ausdrücken wollte
Was an dem Bild auffällt, ist die harmonische
Komposition, die Symmetrie: auf der linken Seite die dunkelhaarige
Italia, hinter ihr eine typisch italienische Landschaft mit einer Kirche
im romanischen Stil; rechts die blonde Germania, mit einer typisch
deutschen Stadtlandschft, in der eine gotische Kirche dominiert. Der
goldgelbe Saum des Kleides der Italia erinnert an die Sonne des Südens,
der pelzbesetzte Saum am Kleid der Germania an die kalten Winter des
Nordens. Der Malstil ist sanft und weich, an Leonardo da Vinci und
andere italienische Maler jener Zeit erinnernd. Das liebevolle
Verhältnis der beiden Frauen strahlt Ruhe und Wärme aus, ein Symbol für
die ersehnte Synthese von Nord und Süd,
 von
mittelalterlich-deutscher Kunst und dem Stil der italienischen
Frührenaissance, von Dürer und Botticelli, ein Symbol für die
angestrebte, religiös getränkte Harmonie. Zu beachten sind die Farben
des Kleides der Italia (rot-weiß-blau), die die typischen Farben der
mittelalterlichen Madonna-Darstellungen sind, und ihre Kopfhaltung, die
als Motiv genau so in Dutzenden anderer Madonna-Bildern zu beobachten
ist.
Links: der Kopf der Madonna auf einem Gemälde von
Schadow, 1818; rechts:
ein Gemälde von Raffaello, 1506.
Es ist ein zutiefst romantisches Bild, das auch heute noch eine gewisse
Faszination ausübt. Die erste Reaktion vieler Betrachter war, und ist
auch heute noch, ein bewunderndes: "Wie schön...". Und dies, auch wenn
die Grenze zum Kitsch - jedenfalls für uns heute - gefährlich nahe
erscheint.
Aber das Bild sagt noch sehr viel mehr
Und das vielleicht nicht unbedingt in beabsichtigter
Weise. Es gibt einiges, was der Künstler "unbewusst, aus innerem Drange
des Herzens" aufs Bild bringt. So harmonisch-gleichgewichtig, wie es auf
den ersten Blick scheint, ist das Bild nämlich nicht. Die
deutsch-gotische Kirche (die ja für Overbeck nicht ganz unwichtig war)
rechts ist viel heller und ragt viel höher in den Himmel als die
italienisch-romanische Kirche, die sich demgegenüber fast am Boden
duckt. Hinter der Germania sieht man die Mauer eines Hauses, die das
Bild nach rechts abschließt. Dies ist zweifellos ein oft benutzter
malerischer Kunstgriff, aber warum hinter der Germania und nicht hinter
der Italia? Diese Mauer und die höher gelegene und höher aufragende
gotische Kirche, die zudem noch im hellen Licht erscheint, geben dem
Bildhintergrund eine leichte Schrägachse, eine Bewegung von rechts oben
nach links unten, die der Figur der Germania eine stärkere Betonung
verleiht. Auch die beiden Figuren selbst sind, wenn man sie genauer
anschaut, nicht gerade gleichgewichtig-ausgewogen dargestellt.
Üblicherweise wird den Südländern ein offenes, lebhaftes Temperament
zugesprochen, den Nordländern eher ein verschlossenes und reserviertes.
Hier scheint es genau umgekehrt: Germania ist eindeutig die aktivere,
sie hat die Hand von Italia ergriffen, sie beugt sich zu ihr, scheint
ihr auch etwas zu sagen. Italia ist zwar etwas etwas größer als Germania
(sie muss es wohl sein, denn schließlich ist sie auch die Verkörperung
der Madonna), ist aber deutlich passiv. Fast schüchtern zieht sie die
linke Hand zurück, als wolle sie nicht auch die zweite Hand der Germania
überlassen. Ihr Blick ist scheu nach unten gerichtet, während Germanias
Blick ins Weite schweift, sie sieht aus dem Bild heraus, sie sieht in
die Welt. Italia wirkt dagegen in sich gekehrt und merkwürdig hilflos -
sie hat auch keine Mauer, keinen Halt hinter sich. Es scheint, als müsse
Germania Italia trösten....
Overbeck hat Italien gesucht, aber...
Italien war das Objekt der Overbeckschen Träume, und
als ein solches völlig vergeistigtes Objekt erscheint sie auf dem
Gemälde. Italien ist Geist, Ideal (=Madonna), Germania ist real und
wirklich (grün und braun, die Farben ihrer Kleider, sind die Farben der
Natur). Die Kommunikation scheint ziemlich einseitig zu sein, fast hat
man das Gefühl, dass sich Germania der Italia ein wenig aufdrängt. Trotz
der idealisierenden Überhöhung Italiens scheint Deutschland irgendwie
dominanter zu sein. Overbecks Leitmotiv war: Am italienischen Wesen soll
die Welt genesen (auch wenn er eine recht eigenwillige Idee vom
"italienischen Wesen" hatte). Dennoch ist es ihm in seinem Bild nicht so
recht geglückt, die tief verwurzelte Vorstellung von der
weltbeglückenden Mission Deutschlands (wenn auch in der Form des
mittelalterlichen Kaisertums) zu verstecken.
Zwei Aquarelle von Philipp Veith
(1834)
Die Idealisierung Italiens verträgt sich
scheinbar doch recht gut mit dem Bewusstsein der Sendung
Deutschlands. Die Kunst, die Schönheit und die Lebensart (für
Overbeck die Religiosität) sind der Inbegriff Italiens, Germania
dagegen repräsentiert die Stärke, den politischen Weitblick, die
Macht. Das weibliche und das männliche Prinzip. Dies kommt auch in
zwei anderen Werken der gleichen Zeit zum Ausdruck:
  Diese zwei
Aquarelle von Philip Veith (1793-1877), eines anderen deutschen Malers,
der der Gruppe der "Nazarener" angehörte, stellen ebenfalls "Italia"
(links) und "Germania" (rechts) dar. Man beachte auch hier die reiche
Symbolik: Italien mit den typischen südlichen Landschaften, den Symbolen
der Religion und der antiken Kunst, und auf der anderen Seite Germania
mit Schwert, Krone und den Symbolen der mittelalterlichen kaiserlichen
Macht. Aber das Augenfälligste ist wohl die mächtige deutsche Eiche
hinter der Germania und die zierlichen Bäumchen hinter der Italia! Was
ist hier wohl unbewusst eingeflossen? |