| "Endlich,
das Gepäck liegt auf dem Wagen..."
Flughafen
Frankfurt, Gepäckausgabe. Rückflug aus Venedig. Verspätung. Nachts, 22.30
Uhr. Es waren spannende neun Tage, die Fahrt mit dem Orient-Express von
Istanbul nach Venedig, Länder durchquert, bereist und
doch nur gestreift, aber dennoch, wenn auch nur für
Momente Menschen diverser Nationalitäten und Geschichten
kennen gelernt, arglose und arglistige Personen erlebt,
Hilfsbereite und Gleichgültige, Freundliche und Unfreundliche, Sympathische und
Unsympathische. Wie das
so ist auf einer Reise, hier und anderswo, ob in Afrika
oder Australien. Endlich, das Gepäck liegt auf dem Wagen, vorbei an müden
Zöllnern, die Ausgangstür macht
sich breit.
|
"Typisch! Sich so aufzuregen. Diese
Intoleranz, typisch deutsch!" Da passiert
es! Kurz und heftig, der unvermittelte Schmerz sitzt
tief, macht es sich in der Ferse bequem, jemand hat den
Gepäckwagen in meine Beine gefahren. Ich erwarte ohne
mich umzudrehen ein "Sorry", "Excuse
me", "Beg your pardon" oder zumindest ein
einfaches "Entschuldigung", doch es passiert
nichts, kein Wort des Bedauerns, in welcher Sprache auch
immer, dringt an mein Ohr. Ich drehe mich um und sehe ein
Ehepaar, braungebrannt, Mitte dreißig, die zwar das
Malheur bemerkt haben, aber ohne eines Ausdrucks des
Bedauerns weiterlaufen. Meine Wut ob solcher Ignoranz
lässt meinen Schmerz vergessen, ich sage. "Nur mit
der Ruhe, Sie kommen schon früh genug nach Hause, ohne
vorher Menschen zu Invaliden zu machen" - und dann
legt die chauffierende Frau echauffiert los. "Da
siehst Du's", empört sie sich in Richtung
trottendem Ehemann, "wir sind wieder in Deutschland!
Typisch! Sich so aufzuregen. Diese Intoleranz, typisch
deutsch!" Ich weiß bis heute noch nicht, woher die
beiden gerade kamen, ob aus Tunesien oder Mallorca oder
gar aus einem Land, in dem Menschen keine Schmerzen
empfinden, wenn sie gerade einen massiven Gepäckwagen in
den Beinen hatten, jedenfalls mokierte sich diese Frau
plötzlich derart über Deutschland, wie unfreundlich und
intolerant hier doch alles sei, dass ich zunächst
glaubte, ich hätte ihr den Wagen in die Beine
gefahren und vergessen, mich zu entschuldigen.
Schnatternd vor Empörung, wie bürokratisch und
unfreundlich doch dieses Deutschland ist, zogen sie von
dannen, die Farbe ihres schmutzig-gelben Rucksacks
bereitet mir noch heute Unbehagen...
|

Michael
Lindenau ...
...ist
Globetrotter,
Radio- und Fernsehjournalist
und Leiter der
"Lindenau-Productions".
Seine Webseite:
www.lindenau.net
Seine
Reisevideos sind:
Mallorca, privat,
prominent, persönlich!
und
Orient-Express,
Legende auf Schienen |
"Oh Herr, vergib mir, dass ich aus
Deutschland komme!"
Obwohl
ich beide noch nie gesehen habe, kenne ich sie doch.
Solche Frauen und Männer, die aus deutschen Landen
kommen, meist mir höherer Schulbildung und Studium,
gewollt alternativ und weltoffen und dann doch nur
erschreckend naiv und kleinkariert. Diese Leute (ich
hoffe, man hört meine Geringschätzung) verbringen eine
oder zwei Wochen im Ausland, ob clubbetreut oder per
Rucksack, schon am ersten Tag streifen sie ihre
geographische Herkunft ab und "gehen auf".
Versuchen aufzugehen im fremden Land wie ein Pickel auf
der Nase. Ein Pickel auf der Nase ist ein Fremdkörper.
Ein deutscher Urlauber, der sich in zwei Wochen
Italienaufenthalt italienischer gibt als die Italiener,
ist auch ein Fremdkörper. Der Pickel auf der Nase kennt
keine Fremdkörper, er ist eins mit sich und der Nase
bzw. Welt. Der so beschriebene Deutsche ist es auch -
eins mit sich und seiner kleinen Welt, in der sein
Herkunftsland scheinbar keine Rolle mehr spielt. Alles
ist woanders schöner, freundlicher und besser als in
Deutschland. "Oh Herr, vergib mir, dass ich aus
Deutschland komme!"
"Gott schütze uns vor Sturm und Wind und
Deutschen, die im Ausland sind!"
Dieses ungeheure und
pathologische Maß an Selbstverleugnung der eigenen
Identität habe ich bei keinem anderen Volk der Welt erlebt, darin sind meine geheuchelten Mitbürger im
Ausland wirklich Weltmeister.
Ich
kenne Deutsche, die im Urlaub nur englisch geradebrechen,
um bloß nicht als Deutsche aufzufallen, und solche, die
in Australien sogar gegrillte Känguruh-Scheiße fressen würden, um sich als Australier
auszugeben. Dieses
Phänomen kennen wir sonst nur von pubertierenden Jugendlichen. Denen schmeckt bei der Mutter der Freundin
oder des Freundes alles besser als zu Hause... Gut, so
solls auch sein, Kinder müssen lernen, sich von ihrem
Elternhaus zu emanzipieren, auch mit ungerechten Mitteln.
Aber welchen Erklärungsversuch haben wir für
Urlaubsdeutsche parat, die im gesetzten Alter von 36
Jahren Sri Lanka bereisen, die Geldbörse verlieren, das
Portemonnaie wird gefunden, bei der Polizei abgegeben,
das Geld ist noch vollständig da und die deutschen
Besitzer geben dann ein Interview mit der hiesigen
Tageszeitung und erklären, dass so etwas in Deutschland
nicht passiert wäre... Die Tageszeitung fragt nach:
"Was wäre denn passiert, wenn Sie in Deutschland
ihre Brieftasche verloren hätten?" -
"Ja", antwortet das Ehepaar, "in
Deutschland hätten wir das Geld und alle anderen
Utensilien niemals zurückbekommen. Wenn die Börse
abgegeben oder gefunden worden wäre, dann sicherlich leer!" Das Foto mit dem glücklichen deutschen
Ehepaar erscheint anderntags auf der Titelseite mit dem
Begleittext: "in Deutschland unbekannt: Ehrliche
Finder auf Sri Lanka geben Geld zurück" - Wie heißt es doch so schön
gereimt. "Gott schütze uns
vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind!???"
"Wer schon einmal die Einreise in die USA
erlebt hat, sehnt sich nach einem Bundesgrenzschutzbeamten zurück."
Für
diese Menschen, die meinen, mit purer Selbstverleugnung
(was sind sie denn nach ihrem Urlaub?) Sympathien zu
gewinnen, aber auch für solche Deutsche, die meinen, sie
müssten gerade im Ausland ihr Deutschsein heraushängen,
gestatte ich mir ein gewisses Maß an Verachtung.
Freilich ist es unbestritten, dass die Deutschen gerade
im Ausland aufgrund der jüngsten Geschichte ein
gehöriges Maß an Verantwortung an den Tag legen
müssen. Ich bin kein Verfechter der Theorie der
"Gnade der späten Geburt". Aber sich der
Verantwortung zu stellen, heißt eben nicht
Selbstverleugnung und plumpe Anbiederung. Ein
"Entschuldigung" ist bei jedem Menschen, gleich
welcher Nationalität angebracht, dem man wehgetan oder
verletzt hat. Gerade Globetrotter wissen, Deutschland ist
nicht bürokratischer als andere Länder. Wer schon
einmal die Einreise in die USA erlebt hat mit
Absperrungen, gelber Linie, die man nicht betreten darf,
und absurder Frage am Zoll, was man denn hier überhaupt
wolle, sehnt sich nach einem Bundesgrenzschutzbeamten
zurück. Nein, das sind keine deutschnationalen Töne.
Ich verabscheue Menschen, die T-Shirts mit der Aufschrift 'Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein'
tragen. Ich
verabscheue Menschen, die sich während einer Reise nicht
einlassen wollen auf andere Kulturen und Traditionen. Und
ich kenne Menschen, die im Urlaub weiße Socken in ihren
Sandalen tragen und trotzdem bereitwillig sind und
neugierig auf Neues und Andersartiges zugehen. Menschen
sind Menschen und menschlich und menscheln. Überall auf
der Welt gibt es freundliche und unfreundliche, gute und
schlechte, optimistische und pessimistische. Und, ich
wage sogar zu behaupten, Deutsche im Ausland, die
italienischer sein wollen als die Italiener oder
indischer als die Inder, sind genau jene Deutsche, mit
denen ich weder im Ausland noch im Inland zu tun haben
möchte. Warum? Ganz einfach: Mehr Intoleranz als bei
solchen Leuten erlebe ich sonst nirgendwo. Das, was sie
abschütteln möchten, nämlich die vermeintliche
deutsche Unfreundlichkeit, haftet an solchen Personen wie
der Kuhdreck am Bauernstiefel. Entschuldigung, liebes
Ehepaar, das mir den Gepäckwagen in die Beine gefahren
hat. Entschuldigung - kaum zu glauben, aber dieses Wort
ist wie alle anderen international!
Text: Michael Lindenau |