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Der nachfolgende Artikel ist von Michael Lindenau. Seine Veröffentlichung auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

"Endlich, das Gepäck liegt auf dem Wagen..."

Flughafen Frankfurt, Gepäckausgabe. Rückflug aus Venedig. Verspätung. Nachts, 22.30 Uhr. Es waren spannende neun Tage, die Fahrt mit dem Orient-Express von Istanbul nach Venedig, Länder durchquert, bereist und doch nur gestreift, aber dennoch, wenn auch nur für Momente Menschen diverser Nationalitäten und Geschichten kennen gelernt, arglose und arglistige Personen erlebt, Hilfsbereite und Gleichgültige, Freundliche und Unfreundliche, Sympathische und Unsympathische. Wie das so ist auf einer Reise, hier und anderswo, ob in Afrika oder Australien. Endlich, das Gepäck liegt auf dem Wagen, vorbei an müden Zöllnern, die Ausgangstür macht sich breit.

"Typisch! Sich so aufzuregen. Diese Intoleranz, typisch deutsch!"

Da passiert es! Kurz und heftig, der unvermittelte Schmerz sitzt tief, macht es sich in der Ferse bequem, jemand hat den Gepäckwagen in meine Beine gefahren. Ich erwarte ohne mich umzudrehen ein "Sorry", "Excuse me", "Beg your pardon" oder zumindest ein einfaches "Entschuldigung", doch es passiert nichts, kein Wort des Bedauerns, in welcher Sprache auch immer, dringt an mein Ohr. Ich drehe mich um und sehe ein Ehepaar, braungebrannt, Mitte dreißig, die zwar das Malheur bemerkt haben, aber ohne eines Ausdrucks des Bedauerns weiterlaufen. Meine Wut ob solcher Ignoranz lässt meinen Schmerz vergessen, ich sage. "Nur mit der Ruhe, Sie kommen schon früh genug nach Hause, ohne vorher Menschen zu Invaliden zu machen" - und dann legt die chauffierende Frau echauffiert los. "Da siehst Du's", empört sie sich in Richtung trottendem Ehemann, "wir sind wieder in Deutschland! Typisch! Sich so aufzuregen. Diese Intoleranz, typisch deutsch!" Ich weiß bis heute noch nicht, woher die beiden gerade kamen, ob aus Tunesien oder Mallorca oder gar aus einem Land, in dem Menschen keine Schmerzen empfinden, wenn sie gerade einen massiven Gepäckwagen in den Beinen hatten, jedenfalls mokierte sich diese Frau plötzlich derart über Deutschland, wie unfreundlich und intolerant hier doch alles sei, dass ich zunächst glaubte, ich hätte ihr den Wagen in die Beine gefahren und vergessen, mich zu entschuldigen. Schnatternd vor Empörung, wie bürokratisch und unfreundlich doch dieses Deutschland ist, zogen sie von dannen, die Farbe ihres schmutzig-gelben Rucksacks bereitet mir noch heute Unbehagen...

Michael Lindenau ...

...ist Globetrotter,
Radio- und Fernsehjournalist
und Leiter der
"Lindenau-Productions".
Seine Webseite:
www.lindenau.net


Seine Reisevideos sind:
Mallorca, privat, prominent, persönlich!
und
Orient-Express,
Legende auf Schienen

"Oh Herr, vergib mir, dass ich aus Deutschland komme!"

Obwohl ich beide noch nie gesehen habe, kenne ich sie doch. Solche Frauen und Männer, die aus deutschen Landen kommen, meist mir höherer Schulbildung und Studium, gewollt alternativ und weltoffen und dann doch nur erschreckend naiv und kleinkariert. Diese Leute (ich hoffe, man hört meine Geringschätzung) verbringen eine oder zwei Wochen im Ausland, ob clubbetreut oder per Rucksack, schon am ersten Tag streifen sie ihre geographische Herkunft ab und "gehen auf". Versuchen aufzugehen im fremden Land wie ein Pickel auf der Nase. Ein Pickel auf der Nase ist ein Fremdkörper. Ein deutscher Urlauber, der sich in zwei Wochen Italienaufenthalt italienischer gibt als die Italiener, ist auch ein Fremdkörper. Der Pickel auf der Nase kennt keine Fremdkörper, er ist eins mit sich und der Nase bzw. Welt. Der so beschriebene Deutsche ist es auch - eins mit sich und seiner kleinen Welt, in der sein Herkunftsland scheinbar keine Rolle mehr spielt. Alles ist woanders schöner, freundlicher und besser als in Deutschland. "Oh Herr, vergib mir, dass ich aus Deutschland komme!"

"Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind!"

Dieses ungeheure und pathologische Maß an Selbstverleugnung der eigenen Identität habe ich bei keinem anderen Volk der Welt erlebt, darin sind meine geheuchelten Mitbürger im Ausland wirklich Weltmeister. Ich kenne Deutsche, die im Urlaub nur englisch geradebrechen, um bloß nicht als Deutsche aufzufallen, und solche, die in Australien sogar gegrillte Känguruh-Scheiße fressen würden, um sich als Australier auszugeben. Dieses Phänomen kennen wir sonst nur von pubertierenden Jugendlichen. Denen schmeckt bei der Mutter der Freundin oder des Freundes alles besser als zu Hause... Gut, so solls auch sein, Kinder müssen lernen, sich von ihrem Elternhaus zu emanzipieren, auch mit ungerechten Mitteln. Aber welchen Erklärungsversuch haben wir für Urlaubsdeutsche parat, die im gesetzten Alter von 36 Jahren Sri Lanka bereisen, die Geldbörse verlieren, das Portemonnaie wird gefunden, bei der Polizei abgegeben, das Geld ist noch vollständig da und die deutschen Besitzer geben dann ein Interview mit der hiesigen Tageszeitung und erklären, dass so etwas in Deutschland nicht passiert wäre... Die Tageszeitung fragt nach: "Was wäre denn passiert, wenn Sie in Deutschland ihre Brieftasche verloren hätten?" - "Ja", antwortet das Ehepaar, "in Deutschland hätten wir das Geld und alle anderen Utensilien niemals zurückbekommen. Wenn die Börse abgegeben oder gefunden worden wäre, dann sicherlich leer!" Das Foto mit dem glücklichen deutschen Ehepaar erscheint anderntags auf der Titelseite mit dem Begleittext: "in Deutschland unbekannt: Ehrliche Finder auf Sri Lanka geben Geld zurück" - Wie heißt es doch so schön gereimt. "Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind!???"

"Wer schon einmal die Einreise in die USA erlebt hat, sehnt sich nach einem Bundesgrenzschutzbeamten zurück."

Für diese Menschen, die meinen, mit purer Selbstverleugnung (was sind sie denn nach ihrem Urlaub?) Sympathien zu gewinnen, aber auch für solche Deutsche, die meinen, sie müssten gerade im Ausland ihr Deutschsein heraushängen, gestatte ich mir ein gewisses Maß an Verachtung. Freilich ist es unbestritten, dass die Deutschen gerade im Ausland aufgrund der jüngsten Geschichte ein gehöriges Maß an Verantwortung an den Tag legen müssen. Ich bin kein Verfechter der Theorie der "Gnade der späten Geburt". Aber sich der Verantwortung zu stellen, heißt eben nicht Selbstverleugnung und plumpe Anbiederung. Ein "Entschuldigung" ist bei jedem Menschen, gleich welcher Nationalität angebracht, dem man wehgetan oder verletzt hat. Gerade Globetrotter wissen, Deutschland ist nicht bürokratischer als andere Länder. Wer schon einmal die Einreise in die USA erlebt hat mit Absperrungen, gelber Linie, die man nicht betreten darf, und absurder Frage am Zoll, was man denn hier überhaupt wolle, sehnt sich nach einem Bundesgrenzschutzbeamten zurück. Nein, das sind keine deutschnationalen Töne. Ich verabscheue Menschen, die T-Shirts mit der Aufschrift 'Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein' tragen. Ich verabscheue Menschen, die sich während einer Reise nicht einlassen wollen auf andere Kulturen und Traditionen. Und ich kenne Menschen, die im Urlaub weiße Socken in ihren Sandalen tragen und trotzdem bereitwillig sind und neugierig auf Neues und Andersartiges zugehen. Menschen sind Menschen und menschlich und menscheln. Überall auf der Welt gibt es freundliche und unfreundliche, gute und schlechte, optimistische und pessimistische. Und, ich wage sogar zu behaupten, Deutsche im Ausland, die italienischer sein wollen als die Italiener oder indischer als die Inder, sind genau jene Deutsche, mit denen ich weder im Ausland noch im Inland zu tun haben möchte. Warum? Ganz einfach: Mehr Intoleranz als bei solchen Leuten erlebe ich sonst nirgendwo. Das, was sie abschütteln möchten, nämlich die vermeintliche deutsche Unfreundlichkeit, haftet an solchen Personen wie der Kuhdreck am Bauernstiefel. Entschuldigung, liebes Ehepaar, das mir den Gepäckwagen in die Beine gefahren hat. Entschuldigung - kaum zu glauben, aber dieses Wort ist wie alle anderen international!

Text: Michael Lindenau

Siehe auch:

Alle Seiten über Deutsche und Italiener
Wie sind die Italiener? Urteile und Vorurteile zwischen Deutschen und Italienern. Deutsche in Italien - Italiener in Deutschland.
[Kapitel]

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