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Warum viele reiche Norditaliener plötzlich ihre Liebe zur "Lega Nord" entdeckt haben.


Umberto Bossi, der Anführer der "Lega Nord", bei einer seiner Reden -
mit einer unmissverständlichen, für ihn sehr typischen Geste.

Ein Zauberwort

Die reichen Norditaliener, diejenigen, die sich ein Abonnement in den ersten Reihen der Mailänder Skala oder der Arena von Verona leisten können, diejenigen, die sich mit dem Bürgermeister und dem Vorsitzenden des örtlichen Industrieverbandes duzen, haben ihre Liebe zur "Lega Nord" entdeckt.

Eigentlich merkwürdig. Denn bis vor kurzem war dieser norditalienischen Elite der populistisch-vulgäre Stil dieser Partei eher suspekt. Man wählte vornehmere Parteien. Das Zauberwort, das alles änderte, ist der so genannte "federalismo fiscale" (auf deutsch: "steuerlicher Föderalismus"), den die Lega seit einiger Zeit auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Der "federalismo fiscale" ist eigentlich etwas sehr Vernünftiges, gegen das niemand etwas einwenden könnte. In Deutschland existiert etwas ähnliches schon seit langem: Staat, Regionen und Kommunen teilen sich nach einem bestimmten Schlüssel nicht nur die Kompetenzen, sondern auch die Steuereinnahmen. Die Verwaltung wird so dezentralisierter und bürgernäher.

Italien ist traditionell ein zentralistischer Staat, der bis jetzt nur wenige föderalistische Elemente aufweist. Aber solange die Lega Nord nur die Abtrennung Norditaliens vom Rest des Stiefels forderte, solange sie nur gegen die angebliche "Kolonisierung des Nordens durch das korrupte Rom" wetterte, blieb sie, auch im Norden, ein lautstarker, aber sonst eher folkloristischer Aspekt der politischen Landschaft. Hat sich die "Lega" geändert, ist sie jetzt etwa gemäßigter geworden?

Keineswegs. Sie hat zwar auf den eigenen Staat ("Padania" sollte er heißen) vorläufig verzichtet, aber sonst poltert sie noch genau wie immer, gelegentlich auch recht rüpelhaft. Was hat also zu ihrer plötzlichen allgemeinen Hoffähigkeit geführt?

Föderalismus "alla Lega"

Der "federalismo fiscale", so wie ihn die Lega versteht, sieht zwar eine radikale Umverteilung der Steuereinnahmen vor, was aber überhaupt nicht klar ist, ist das, was man in Deutschland "Finanzausgleich" nennt: da es große und kleine, strukturstarke und strukturschwache Regionen gibt, müssen in Deutschland die reichen Regionen den schwachen unter die Arme greifen, damit es keine größeren Ungleichgewichte auf nationaler Ebene gibt. Auch in Italien hat man dieses Problem erkannt, aber die Lega (und mit ihr ein Großteil der norditalienischen Bevölkerung) ist nicht gerade berühmt für ihre Solidarität mit dem armen Süden...

Drei Anomalien in der italienischen Politik und Wirtschaft

Mit ein bisschen Geduld und Verhandlungsgeschick wären das aber lösbare Probleme. Die wirkliche Problematik liegt woanders. Das Verhältnis von Politik und Wirtschaft ist nämlich in Italien von mindestens drei großen Anomalien belastet, die den Föderalismus "all'italiana" zu einer sehr riskanten Sache für Staat und Bürger machen könnten.

"Conflitto di interessi"

Auf Deutsch: Interessenskonflikt. Das bekannteste Beispiel für diese erste Anomalie heißt Silvio Berlusconi, der ehemalige Ministerpräsident und Präsident der größten italienischen Partei, der Besitzer der wichtigsten italienischen Privat-TVs ist (Canale 5, Rete 4, Italia 1) und der auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (RAI 1, 2, 3) immer noch ein wichtiges Wörtchen mitzureden hat. Aber das ist nur die Spitze vom Eisberg. Gerade auf regionaler und kommunaler Ebene sind diese Interessenskonflikte zwischen staatlicher Verwaltung und privaten wirtschaftlichen Interessen zwar weniger spektakulär, aber deshalb nicht weniger verbreitet: Vom Gesundheitsminister, der gleichzeitig Chef einer Kette von Privatkliniken ist (die staatliche Zuschüsse einkassiert) bis zum kommunalen Assessor für Straßenbau, der undurchsichtige Beraterverträge mit verschiedenen Hoch- und Tiefbaufirmen hat, sind die Beispiele für diesen Interessenskonflikt kaum zu zählen und gehören zum politischen Alltag, über den sich nur wenige aufregen (zu viele profitieren davon).

"Clientelismo"

Auf Deutsch: Vetternwirtschaft. Die beste Versicherung gegen die Arbeitslosigkeit in Italien ist immer noch das "Vitamin B", d.h. die Bekanntschaft, Freundschaft oder Verwandtschaft mit den richtigen Leuten, die am richtigen Schreibtisch sitzen. Und das ist auch die beste Einnahmegarantie für viele Unternehmer, die so öffentliche Ausschreibungen für lukrative Staatsaufträge für sich entscheiden können. Diese Vetternwirtschaft ist in Italien kapillarer verwurzelt, als in jedem anderen europäischen Land. Skandale in diesem Bereich, die in anderen Ländern in der Regel zum Rücktritt eines betroffenen Politikers führen, werden in italienischen Zeitungen auf der vierten oder fünften Seite erwähnt, so gewöhnt ist die öffentliche Meinung an Skandale aller Art.

"Sprechi"

Auf deutsch: Verschwendungssucht. "La casta" (Die Kaste) heißt eines der meistverkauften Bücher Italiens der letzten Jahre. In diesem Buch wird in eindrucksvoller (und gelegentlich schockierender Weise) vorgerechnet, wie verschwenderisch der Staat mit den Steuergeldern seiner Bürger umgeht. Da könnten selbst die korruptesten Bürokraten anderer Länder noch eine Menge dazu lernen. In diesem, einem kostenlosen Selbstbedienungsladen ähnelnden Verwaltungsdschungel, haben die Regionen, obwohl sie bis jetzt nur relativ wenige Millionen zu verteilen hatten, fleißig mitgemacht. Nicht umsonst steckt das italienische Gesundheitswesen, bis jetzt der wichtigste Bereich regionaler Selbstverwaltung, in einer tiefen finanziellen Krise. Und ob ein italienischer Regionalbeamter in Zukunft mit 1 Million Euro effizienter (und sauberer...) umgehen kann als bis jetzt mit 100.000, ist sehr zweifelhaft.

 Geld stinkt nicht...

... aber sein Duft ist trotzdem unwiderstehlich. Und viele reiche Norditalien glauben entdeckt zu haben, wo es in Zukunft eine Menge davon zu holen gibt. Daher ihre neue Liebe zur "Lega Nord". Mit dem, der das Geld verteilen wird, sollte man sich rechtzeitig gut stellen. Die Nähe zur Macht zahlt sich aus, im wahrsten Sinne des Wortes...

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