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Das Willkommensschild
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Man kann es
leicht übersehen, das weißblaue Grenzwächterhäuschen, in einer Kurve, einige
Kilometer vor dem Ziel. Es neigt sich bedenklich der Böschung zu, ein Wachsoldat
ist allerdings nicht in Gefahr. Weit und breit ist niemand zu sehen. Linker Hand
dann ein mehrsprachiges Schild: Willkommen im Antiken Fürstentum Seborga. Der
Ort liegt sehr hübsch auf einem Bergrücken, inmitten von Mimosenhainen und
weißem Ginstergestrüpp, das gerade in voller Blüte steht.

| Keiner kennt ihn
wirklich, den rechtlichen Status von Seborga, jener Enklave im
Hinterland von Bordighera, die von sich behauptet, ein veritables
Fürstentum zu sein. Ein Fehler, eine simple Vergesslichkeit wird
häufig ins Feld geführt, wenn der fehlende Anschluss Seborgas an
Italien erklärt werden soll. Das Gebiet bedeckt etwa 4 km² und wird
bewohnt von rund 350 Bürgern – oder Untertanen, wie man will. An
diesem kalten Apriltag lässt sich kaum einer von ihnen blicken in
den zugigen Gassen des Dorfes. Der Wind zerrt an den Fahnen, die
fast jede Fassade schmücken und trotzig zu sagen zu scheinen: Es
gibt uns wirklich. Der große Parkplatz vor dem Ortseingang ist
verwaist, die Saison beginnt erst zu Pfingsten. Nur ein
Urlauberpärchen aus Frankreich macht unverdrossen Picknick. |
Der Artikel auf dieser Seite wurde mit freundlicher
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Pfarrkirche San Bernardo, Seborga
Die wenigen
Bewohner Seborgas, alle übrigens im Besitz regulärer italienischer Ausweise,
haben im Jahre 1963 einen Herrscher über sich gewählt, Giorgio I, im
bürgerlichen Leben Giorgio Carbone. Der rührige Unternehmer hatte sie überzeugt,
dass Seborga weder bei der Neuordnung Europas beim Wiener Kongress 1815, noch
bei der Gründung der italienischen Republik 1846 einer Staatsmacht unterstellt
war und somit souverän sei. Die Geschichte von Seborga hat in der Tat Wurzeln,
die bis ins frühe Mittelalter zurückreichen. 1079 war das Lehen der Grafen von
Ventimiglia zum Fürstentum erhoben worden. Entsprechende Dokumente befinden sich
in einem anderen Kleinstaat auf italienischem Boden, im Vatikan.
links: die Fahne des "Fürstentums" - rechts: sein Wappen
Bis heute hat Italien nie einen eindeutigen Beweis für die Zugehörigkeit
Seborgas zu seinem Staatsgebiet vorgelegt und es den Bewohnern überlassen, aus
der Legende Kapital zu schlagen. Das vorgeblich nach Autonomie strebende "Antike
Fürstentum Seborga", das 1993 ausgerufen wurde, ist heute eine
Touristenattraktion. Sogar National Geographics war schon da. Am Mythos wird
fleißig weitergestrickt. Jetzt schickt man gar einen angeblich in Seborga
begrabenen Sohn Jesu in den Marketing-Feldzug. Besucher finden in Seborga
eigentlich nichts anderes, als auf jedem beliebigen Bergrücken Westliguriens,
nur dass hier dank des cleveren Marketings ein paar Souvenirläden und
Restaurants ihr Auskommen finden. Im April freilich, wenn die Schaumkronen auf
dem Meer 16 km landeinwärts noch zu sehen sind, klingelt kaum ein "Luigino" in
der Kasse - jene antike Münze Seborgas, deren Neuprägung eine Herausforderung
der Staatsmacht im fernen Latium darstellt.

Schön bunt: Souvenirs aus Seborga
Doch Rom hat
über derlei Demonstrationen der Unabhängigkeit von Seborga bisher geflissentlich
hinweggesehen, auch über den Druck von Briefmarken und den Zusatz des Wappens
von Giorgio I. zum Autokennzeichen. Jüngst hat der Herrscher zwei verdiente
Förderer Seborgas in den Adelsstand erhoben. Die Operette kann weitergehen, denn
nur wo Adel ist, ist auch ein Hof. Schade nur, dass der Fürst so gar nichts
Glamouröses an sich hat.
Die internationale Anerkennung blieb dem „Antiken Fürstentum Seborga“ trotz
aller Anstrengungen bis heute versagt. Es teilt damit das Los einer ganzen Reihe
exotischer Mikro-Nationen wie der Republik Kugelmugel, der Freistadt Christiania
oder des Schwul-lesbischen Königreichs der Korallenmeerinseln.
Text und Fotos:
Sandra Ross
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