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Home > Städte & Landschaften > Apulien > Apulien - Kultur und Traditionen
Der folgende Artikel über die Gastronomie, die Volksfeste und die Volksmusik Apuliens wurde freundlicherweise von der italienischen Sprachschule "Porta d'Oriente" in Otranto, Provinz Lecce, zur Verfügung gestellt. Der Autor des Artikels ist ein deutscher Schüler eines ihrer Sprachkurse.

Gastronomie

Apulien ist ein großes Landwirtschaftsgebiet: Trotz erheblicher Wasserarmut besitzt die Region viel ertragreiches Ackerland. Wein- und Tafeltrauben, Mandeln, Feigen und Oliven bilden die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Die Stärke der traditionellen apulischen Küche beruht auf der Verwendung frischer, regionaler Produkte, von denen die wichtigsten wohl Hartweizen, frische Gemüse, Olivenöl und Wein sind. An Gemüse sind Tomaten, Auberginen und Pfefferschoten am weitesten verbreitet, da sie in dem heißen und trockenen Klima Apuliens am besten gedeihen. Dazu kommen natürlich die Fänge aus dem nahen Meer. Aus Hartweizen, Wasser und Salz werden die sehr beliebten ohrenförmigen Nudeln, die so genannten Orecchiette hergestellt, die man in ganz Apulien findet.

Die Sprachschule
"Porta d'Oriente" aus Otranto,
die diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat, bietet Ihnen nicht nur Sprachunterricht, sondern auch Ausflüge ins schöne Umland und Kochkurse:

Porta d'Oriente -
Italienisch am Meer

Tomaten bilden die Basis verschiedener Saucen, die oft vegetarisch, manchmal mit Fisch oder anderen Meeresfrüchten und selten auch mit Fleisch zubereitet werden. Olivenöl, das in Apulien einen unverkennbaren, delikaten Eigengeschmack hat und dunkler als beispielsweise das toskanische Olivenöl ist, ist eine Zutat, die vom apulischen Speisezettel einfach nicht wegzudenken ist. Es wird zum Salat gereicht oder auf dem mit halbierten Tomaten belegten apulischen Zwieback gegessen, zum Braten von Gemüse oder für die Zubereitung der Pasta verwendet. Immerhin gehören die apulischen Oliven zu den besten Italiens. Die Märkte in den Städten sind oft eine reine Augenweide: riesige Berge einheimischer Produkte, knallrote Peperoni und Tomaten, lange Gläserreihen voll eingelegter Artischocken, Pilze, Früchte, riesige Melonen und vieles mehr. Apulien ist als Weinregion bekannt für seine riesigen, von Subventions-Spekulanten angelegten Weingebieten. Vor allem im Salento, dem südlichsten Teil Apuliens werden ausgezeichnete Tropfen produziert - darunter die Rotweine Salice, Salentino und Brindisi. Beliebt sind aber auch die trockenen Weißweine von Locorotondo und Martina Franca in der Trulli-Region.

In den Hafenstädten (Bari, Ostuni, Monopoli, Otranto, Gallipoli) ist der Fischmarkt eine der großen Attraktionen. Hier wird gefeilscht, geprüft und verkauft. Frische Fische und Meeresfrüchte sind kunstvoll aufgeschichtet und interessant geformte Muscheln werden zu Dekorationszwecken verwendet. Im Frühjahr werden hier die frischen Seeigel, die auf italienisch "Ricci" heißen, ausgeschlürft wie anderenorts die Austern. Apulier schwören, es gäbe nichts Besseres. Ich habe einen Schuljungen gesehen, der mit bloßen Händen zehn Stück davon aus dem Meer geholt hat. Einen davon hat er für mich halbiert und mir angeboten. Da es sich offensichtlich um ein frisches Exemplar handelte und ich sehr neugierig war, habe ich davon gegessen. Ein bisschen mulmig ist mir immer zumute, wenn ich rohe Meerestiere zu mir nehme, aber diese "Ricci" schmecken nicht schlecht!

Volksfeste

Apulien ist ein traditionsreiches Land mit vielen religiösen Festen, die Ausdruck der apulischen Kultur und Lebensfreude sind. Die Patronatsfeste werden feierlich begangen, mit Prozessionen, Lichterketten und grossem Feuerwerk, umrahmt von zahlreichen Marktständen mit heimischen Produkten. Es gibt außerdem gewisse Riten und Bräuche, die ihre Wurzeln in geschichtlichen Ereignissen haben und deshalb von besonderer historisch - anthropologischer Bedeutung sind.

In der Provinz Lecce, in Ruffano, wird am Vorabend des Festes des San Rocco, am 15 August die ganze Nacht mit kleinen Orgeln musiziert und ein alter Tanz getanzt, der einst mit Messern und heute mit den Fingern ein Duell mimt.

In Novoli wird zu Ehren des Stadtpatrons, des Hl. Antonio Abate, am 17. Januar ein riesiger Scheiterhaufen angezündet, die "Fòcara", hoch wie ein Haus und innen mit Gängen ausgestattet.

In Galatina gibt es teilweise heute noch am Feiertag der SS. Pietro e Paolo (Hl. Peter und Paul), den Ritus der Tarantolate, eines befreienden Tanzes vor der Kapelle der Heiligen. In Lecce wird zu Santa Lucia, am 13. Dezember, ein Krippenmarkt abgehalten, auf dem künstlerisch hochwertige Krippenfiguren, Produkte der einheimischen Handwerkskunst, angeboten werden, die den berühmteren neapolitanischen Figuren durchaus ebenbürtig sind.

In der Provinz Brindisi sind das Pferderennen und der historische Umzug zu Ehren Friedrichs II sehr zu empfehlen, die Mitte August in Oria stattfinden. Im Gedenken an den großen schwäbischen Kaiser zieht hier, in seinem Lieblingsland, ein Gefolge aus Sarazenen, Deutschen, Juden, Adeligen und Standespersonen aller Art in schillernden Kostümen durch die Strassen der Stadt.

Volksmusik und "Tarantismus"

In Apulien werden noch heute hauptsächlich Oliven angebaut. Bei der Arbeit kommen die Bauern häufig mit den vielen kleinen Spinnen in Kontakt, die in den Bäumen oder zwischen Steinen versteckt leben. Bisse einer besonderen Spinnenart - den Taranteln - konnten, dem alten Aberglauben der Apulier zufolge, schlimme Folgen haben, von denen hauptsächlich Frauen betroffen waren. Dieser so genannte Tarantismus existierte bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts!

Diejenigen, die damals "von der Tarantel gestochen waren", wurden fortan ein Mal pro Jahr zu Beginn des Sommers für ca. eine Woche "verrückt". Ihr Verhalten ähnelte in dieser Zeit ungefähr dem Tier, von dem sie gebissen wurden: Sie waren geistig abwesend und bewegten sich z.T. spinnenartig auf allen vieren (eventuell vergleichbar mit der Epilepsie). Es wurden Musiker gerufen, die die so genannte "Pizzica" spielten und eine Art volkstümliche Musiktherapie durchführten, die jedoch nur während der Spieldauer wirksam war. Die Betroffenen fielen in Trance und begannen sich bis zur Erschöpfung wild zu bewegen oder zu tanzen. Es wurden - neben dem Gesang - die folgenden Instrumente verwendet: Tamburin (Trommel, außen mit Schellen), Violine, Gitarre oder Ziehharmonika.

Eine endgültige Heilung der Betroffenen konnte durch die Musik nicht erreicht werden. Deshalb unternahm man eine Wallfahrt nach Gallipoli, einer Stadt, in der die Kirche des Heiligen Paul steht, dem Schutzpatron der Spinnentiere. Die Erkrankten trafen sich und wurden alle - wie durch ein Wunder - dank der Gnade des Heiligen jeweils am 29. Juni des Jahres geheilt.

Das magische Phänomen des Tarantismus ist erstmals in den fünfziger Jahren von dem Ethnologen Ernesto de Martino wissenschaftlich untersucht worden. Erste Filmdokumente liegen aus dem Jahr 1961 vor. Die betroffenen Frauen aus Apulien glaubten fest daran, das ihre Erkrankung durch den Biss der Taranteln ausgelöst wurde. Wissenschaftler bezweifeln, dass Spinnen Ursache der Krankheit waren und vermuten, dass die Frauen unbewusst ihre unterdrückten Gefühle, Sehnsüchte, Bedürfnisse und Begierden auslebten. Man muss bedenken, dass die Frauen in dieser Region früher kaum das Recht hatten ihr Haus zu verlassen und dass Ehen angesichts finanzieller Notwendigkeiten von den Angehörigen ausgehandelt wurden; Liebe spielte keine Rolle.

Die Ursprünge des Tarantismus lassen sich ungefähr bis in das Jahr 1400 zurückverfolgen, vielleicht ist er aber noch viel älter. Nachdem die dazugehörige Musik - die Pizzica für einige Jahre verschwunden schien, begann sie etwa seit 1970 wieder aufzuerstehen. In Apulien hat sie sich seit dem zu einer Musik der jungen Leute entwickelt. Ein Fest, auf dem sich die Jugend heute trifft um gemeinsam zu tanzen und die volkstümliche Pizzica zu spielen, kann man sich etwa so vorstellen, wie im folgenden Text beschrieben: Basis der Pizzica ist das Tamburin, das mit einer besonderen Technik gespielt wird. Es gibt den Basisrhythmus, während seine Schellen aufregend scheppern und klingen. Die Körper der Tänzer beginnen zu vibrieren, mit der Musik, im Raum, in der Menschenmenge und in der sommerlichen heißen Atmosphäre. Man formt außen einen Kreis ("la ronda") und tanzt in der Mitte mit elementarer (das heißt einfacher) Schritttechnik, die viel Platz für Gefühle, Emotion und Fantasie lässt; begleitet vom unendlichen und nie zu Ende gehenden Rhythmus des Tamburins.

Siehe auch:

Alle Seiten über Apulien
Vom italienischen Stiefelabsatz ist Griechenland ganz nah - und man spürt es. [Kapitel]

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