|

|
Gastronomie |
|
Apulien ist ein großes Landwirtschaftsgebiet: Trotz erheblicher Wasserarmut
besitzt die Region viel ertragreiches Ackerland. Wein- und Tafeltrauben,
Mandeln, Feigen und Oliven bilden die wichtigsten landwirtschaftlichen
Erzeugnisse. Die Stärke der traditionellen apulischen Küche beruht auf der
Verwendung frischer, regionaler Produkte, von denen die wichtigsten wohl
Hartweizen, frische Gemüse, Olivenöl und Wein sind. An Gemüse sind Tomaten,
Auberginen und Pfefferschoten am weitesten verbreitet, da sie in dem heißen
und trockenen Klima Apuliens am besten gedeihen. Dazu kommen natürlich die
Fänge aus dem nahen Meer. Aus Hartweizen, Wasser und Salz werden die sehr beliebten
ohrenförmigen Nudeln, die so genannten Orecchiette hergestellt, die man in ganz
Apulien findet. |

Die Sprachschule
"Porta d'Oriente" aus Otranto,
die
diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat, bietet Ihnen nicht nur Sprachunterricht, sondern auch
Ausflüge ins schöne Umland und Kochkurse:
Porta d'Oriente - Italienisch
am Meer |
Tomaten bilden die Basis verschiedener Saucen, die oft
vegetarisch, manchmal mit Fisch oder anderen Meeresfrüchten und selten auch mit
Fleisch zubereitet werden. Olivenöl, das in Apulien einen unverkennbaren,
delikaten Eigengeschmack hat und dunkler als beispielsweise das toskanische
Olivenöl ist, ist eine Zutat, die vom apulischen Speisezettel einfach nicht
wegzudenken ist. Es wird zum Salat gereicht oder auf dem mit halbierten Tomaten
belegten apulischen Zwieback gegessen, zum Braten von Gemüse oder für die
Zubereitung der Pasta verwendet. Immerhin gehören die apulischen Oliven zu den
besten Italiens. Die Märkte in den Städten sind oft eine reine Augenweide:
riesige Berge einheimischer Produkte, knallrote Peperoni und Tomaten, lange
Gläserreihen voll eingelegter Artischocken, Pilze, Früchte, riesige Melonen und
vieles mehr. Apulien ist als Weinregion bekannt für seine riesigen, von
Subventions-Spekulanten angelegten Weingebieten. Vor allem im Salento, dem
südlichsten Teil Apuliens werden ausgezeichnete Tropfen produziert - darunter
die Rotweine Salice, Salentino und Brindisi. Beliebt sind aber auch die trockenen
Weißweine von Locorotondo und Martina Franca in der Trulli-Region.

In den Hafenstädten (Bari, Ostuni, Monopoli, Otranto, Gallipoli) ist der
Fischmarkt eine der großen Attraktionen. Hier wird gefeilscht, geprüft und
verkauft. Frische Fische und Meeresfrüchte sind kunstvoll aufgeschichtet und
interessant geformte Muscheln werden zu Dekorationszwecken verwendet. Im
Frühjahr werden hier die frischen Seeigel, die auf italienisch "Ricci" heißen,
ausgeschlürft wie anderenorts die Austern. Apulier schwören, es gäbe nichts
Besseres. Ich habe einen Schuljungen gesehen, der mit bloßen Händen zehn Stück
davon aus dem Meer geholt hat. Einen davon hat er für mich halbiert und mir
angeboten. Da es sich offensichtlich um ein frisches Exemplar handelte und ich
sehr neugierig war, habe ich davon gegessen. Ein bisschen mulmig ist mir immer
zumute, wenn ich rohe Meerestiere zu mir nehme, aber diese "Ricci" schmecken
nicht schlecht!
Volksfeste
Apulien ist ein traditionsreiches Land mit vielen religiösen Festen, die
Ausdruck der apulischen Kultur und Lebensfreude sind. Die Patronatsfeste werden
feierlich begangen, mit Prozessionen, Lichterketten und grossem Feuerwerk,
umrahmt von zahlreichen Marktständen mit heimischen Produkten.
Es gibt außerdem gewisse Riten und Bräuche, die ihre Wurzeln in geschichtlichen
Ereignissen haben und deshalb von besonderer historisch - anthropologischer
Bedeutung sind.
In der Provinz Lecce, in Ruffano, wird am Vorabend des Festes des San Rocco, am
15 August die ganze Nacht mit kleinen Orgeln musiziert und ein alter Tanz
getanzt, der einst mit Messern und heute mit den Fingern ein Duell mimt.
In Novoli wird zu Ehren des Stadtpatrons, des Hl. Antonio Abate, am 17. Januar
ein riesiger Scheiterhaufen angezündet, die "Fòcara", hoch wie ein Haus und
innen mit Gängen ausgestattet.
In Galatina gibt es teilweise heute noch am Feiertag der SS. Pietro e Paolo (Hl.
Peter und Paul), den Ritus der Tarantolate, eines befreienden Tanzes vor der
Kapelle der Heiligen. In Lecce wird zu Santa Lucia, am 13. Dezember, ein
Krippenmarkt abgehalten, auf dem künstlerisch hochwertige Krippenfiguren,
Produkte der einheimischen Handwerkskunst, angeboten werden, die den berühmteren
neapolitanischen Figuren durchaus ebenbürtig sind.
In der Provinz Brindisi sind das Pferderennen und der historische Umzug zu Ehren
Friedrichs II sehr zu empfehlen, die Mitte August in Oria stattfinden. Im
Gedenken an den großen schwäbischen Kaiser zieht hier, in seinem Lieblingsland,
ein Gefolge aus Sarazenen, Deutschen, Juden, Adeligen und Standespersonen aller
Art in schillernden Kostümen durch die Strassen der Stadt.
Volksmusik und "Tarantismus"

In Apulien
werden noch heute hauptsächlich Oliven angebaut. Bei der Arbeit kommen die
Bauern häufig mit den vielen kleinen Spinnen in Kontakt, die in den Bäumen oder zwischen Steinen
versteckt leben. Bisse einer besonderen Spinnenart - den
Taranteln - konnten, dem alten Aberglauben der Apulier zufolge, schlimme Folgen
haben, von denen hauptsächlich Frauen betroffen waren. Dieser so genannte Tarantismus existierte bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts!
Diejenigen, die damals "von der Tarantel gestochen waren", wurden fortan ein Mal
pro Jahr zu Beginn des Sommers für ca. eine Woche "verrückt". Ihr Verhalten
ähnelte in dieser Zeit ungefähr dem Tier, von dem sie gebissen wurden: Sie waren
geistig abwesend und bewegten sich z.T. spinnenartig auf allen vieren (eventuell
vergleichbar mit der Epilepsie). Es wurden Musiker gerufen, die die so genannte "Pizzica"
spielten und eine Art volkstümliche Musiktherapie durchführten, die jedoch nur
während der Spieldauer wirksam war. Die Betroffenen fielen in Trance und
begannen sich bis zur Erschöpfung wild zu bewegen oder zu tanzen. Es wurden -
neben dem Gesang - die folgenden Instrumente verwendet: Tamburin (Trommel,
außen mit Schellen), Violine, Gitarre oder Ziehharmonika.

Eine endgültige Heilung der Betroffenen konnte durch die Musik nicht erreicht
werden. Deshalb unternahm man eine Wallfahrt nach Gallipoli, einer Stadt, in der
die Kirche des Heiligen Paul steht, dem Schutzpatron der Spinnentiere. Die
Erkrankten trafen sich und wurden alle - wie durch ein Wunder - dank der Gnade
des Heiligen jeweils am 29. Juni des Jahres geheilt.
Das magische Phänomen des Tarantismus ist erstmals in den fünfziger Jahren von
dem Ethnologen Ernesto de Martino wissenschaftlich untersucht worden. Erste
Filmdokumente liegen aus dem Jahr 1961 vor. Die betroffenen Frauen aus Apulien
glaubten fest daran, das ihre Erkrankung durch den Biss der Taranteln ausgelöst
wurde. Wissenschaftler bezweifeln, dass Spinnen Ursache der Krankheit waren und
vermuten, dass die Frauen unbewusst ihre unterdrückten Gefühle, Sehnsüchte,
Bedürfnisse und Begierden auslebten. Man muss bedenken, dass die Frauen in
dieser Region früher kaum das Recht hatten ihr Haus zu verlassen und dass Ehen
angesichts finanzieller Notwendigkeiten von den Angehörigen ausgehandelt wurden;
Liebe spielte keine Rolle.
Die Ursprünge des Tarantismus lassen sich ungefähr bis in das Jahr 1400
zurückverfolgen, vielleicht ist er aber noch viel älter. Nachdem die
dazugehörige Musik - die Pizzica für einige Jahre verschwunden schien, begann
sie etwa seit 1970 wieder aufzuerstehen. In Apulien hat sie sich seit dem zu
einer Musik der jungen Leute entwickelt. Ein Fest, auf dem sich die Jugend heute
trifft um gemeinsam zu tanzen und die volkstümliche Pizzica zu spielen, kann man
sich etwa so vorstellen, wie im folgenden Text beschrieben: Basis der Pizzica
ist das Tamburin, das mit einer besonderen Technik gespielt wird. Es gibt den
Basisrhythmus, während seine Schellen aufregend scheppern und klingen. Die
Körper der Tänzer beginnen zu vibrieren, mit der Musik, im Raum, in der
Menschenmenge und in der sommerlichen heißen Atmosphäre. Man formt außen einen
Kreis ("la ronda") und tanzt in der Mitte mit elementarer (das heißt einfacher)
Schritttechnik, die viel Platz für Gefühle, Emotion und Fantasie lässt;
begleitet vom unendlichen und nie zu Ende gehenden Rhythmus des Tamburins.
|