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Alitalia - eine von der Politik dominierte Tragödie

 

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Das Schicksal der Alitalia war eine Tragödie, die vom ersten bis zum letzten Akt von der Politik und nicht vom wirtschaftlichen Sachverstand dominiert war.

1. Akt: die Vorgeschichte

Noch im Oktober 2006 verkündete die italienische Fluggesellschaft Alitalia als Reaktion auf sehr kritische Presseberichte, sie verfüge "über eine solide und ausgewogene Finanzstruktur und sei in vollem Maß in der Lage, das laufende Geschäft zu sichern".

Dass das reine Augenauswischerei war, war damals eigentlich schon den meisten klar. In der Tat, nur ein Jahr danach, im Oktober 2007, stand Alitalia vor dem unausweichlichen Bankrott und suchte verzweifelt nach einem willigen Käufer. Bis zu den Wahlen im April 2008, hatte die italienische Fluggesellschaft Schulden in Höhe von 1,37 Milliarden Euro angehäuft, mit steigender Tendenz, die liquiden Mittel lagen dagegen bei etwa 170 Millionen Euro, mit fallender Tendenz.

Die Fluggesellschaft Alitalia wurde 1946 gegründet und ist eine Aktiengesellschaft mit 49,9% Staatsbeteiligung. Sie hat heute etwa 12.000 Mitarbeiter und verfügt über 182 Flugzeuge, die Ziele in allen Kontinenten anfliegen. Mit einem Umsatz von ca. 5 Milliarden Euro pro Jahr ist sie also ein nicht ganz unbeträchtlicher Wirtschaftsfaktor.

Die Suche nach den Ursachen der desolaten heutigen Situation ist nicht einfach, da es sich um eine Summe von mehreren Faktoren handelt, die hier nur aufgezählt werden können, ohne sie im Einzelnen zu bewerten:

  • die Staatsbeteiligung von 49,9% hat bei Alitalia, wie auch bei anderen italienischen Staatsunternehmen, zu zahlreichen Schmiergeldaffären geführt und zu Personaleinstellungen, die ausschließlich Wahlkampflogiken und nicht wirklichen Notwendigkeiten gehorchten,

  • diese Staatsbeteiligung garantierte auch eine umfassende politische Einflussnahme auf alle strategischen Entscheidungen, die oft eher parteipolitisch und regionalpolitisch als wirtschaftlich motiviert waren,

  • zahlreiche Streiks des Flug- und Bodenpersonals, die die italienischen Flughäfen, gerade auch zu Urlaubszeiten, zu erheblichen Unsicherheitsfaktoren machten, wobei es in der Regel unmöglich war zu entscheiden, ob diese Streiks der Sturheit der Gewerkschaften oder der Sturheit der Geschäftsleitung von Alitalia (oder beiden gleichzeitig) zuzuschreiben waren,

  • Skandale wie der des systematischen Gepäckdiebstahls am italienischen Flughafen Mailand Malpensa, der einer der wichtigsten Stützpunkte von Alitalia darstellte,

  • die Tatsache, dass sich Alitalia zwei Drehkreuze (d.h. Umsteigeflughäfen, in der Fachsprache "Hubs" genannt) leistete: Rom Fiumicino und Mailand Malpensa, was die Kosten in die Höhe trieb,

  • Schönfärbereien (siehe oben) der Verantwortlichen von Alitalia, die der Öffentlichkeit über Jahre hinweg die wirkliche, immer schlechter werdende finanzielle Situation der Fluggesellschaft verschleierten,

  • und schließlich die trügerische Sicherheit, dass der italienische Staat letztlich alle Schulden übernehmen würde...

Merkwürdigerweise wird in der italienischen Presse und im Fernsehen kaum über diese Ursachen diskutiert. Eigentlich wären schlüssige Schuldzuschreibungen ein hervorragendes Wahlkampfargument (in Italien wird oft gewählt!), aber niemand bringt sie vor. Eine merkwürdige Tatsache, die aber eine sehr einfache Erklärung hat: Alle Regierungen der letzten 10-20 Jahre haben fleißig am Niedergang von Alitalia mitgebastelt und alle Parteien sind sich wohl darüber im Klaren, dass es für sie besser ist, lieber nicht über die Vergangenheit zu reden. Um so lieber streiten sie über ihre Zukunft.

2. Akt: erste Rettungsversuche

2006 wurde von der italienischen Regierung ein erstes Verkaufsangebot eines Teils ihres Aktienpakets eingeleitet, das aber ohne Resonanz blieb, da keiner der Interessierten die riesigen Schulden der Alitalia übernehmen wollte bei gleichzeitiger Beibehaltung eines nicht unwesentlichen Anteils des italienischen Staates, der schließlich für den größten Teil dieser Schulden verantwortlich war. Im April 2007 wurde schließlich der Regierung klar, dass die einzige Möglichkeit der Sanierung des maroden Unternehmens die vollständige Abtretung ihres Aktienpakets war. Anfangs gab es mehrere Interessenten: die russische Aeroflot, AirOne (eine andere italienische Fluggesellschaft, die Partner von Lufthansa ist), Air France/KLM und verschiedene Bankengruppen meldeten Interesse an. Da Regierung und Gewerkschaften aber immer neue Bedingungen für den Verkauf ins Spiel brachten, hatten bis Juli 2007 alle Interessenten ihre Offerten wieder zurückgezogen.

3. Akt: ein Hoffnungsschimmer

Der nächste Anlauf zum Verkauf wurde im Herbst 2007 gemacht, als die Situation von Alitalia immer dramatischer geworden war, und inzwischen allen klar war, dass die Alternative zur 100%igen Übernahme durch einen Käufer nur noch der Bankrott war. Übrig geblieben waren jetzt nur noch Air France/KLM auf der einen Seite und AirOne (mit Unterstützung einiger Banken) auf der anderen. Die Regierung musste entscheiden, wer von den beiden Alitalia aus dem Dreck ziehen sollte.

Vom rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, war die Entscheidung eigentlich völlig klar. Auf der einen Seite der vor Gesundheit strotzende Gigant Air France/KLM, der kräftige Gewinne macht, auf der anderen Seite der Zwerg AirOne, der sehr viel kleiner ist als Alitalia (von Air France ganz zu schweigen), und ebenfalls sehr hoch verschuldet ist, als Ausgleich dafür allerdings Bankenunterstützung vorweisen konnte. AirOne versprach alles zu garantieren, was die italienischen Gewerkschaften verlangten, während für Air France die Entlassung einiger hundert Mitarbeiter und der Verzicht auf die Rolle von Mailand Malpensa als zweitem Hub (siehe oben) der unvermeidliche Preis für die langfristige Gesundung war.

Eine Prüfung beider Vorschläge hat die Regierung Prodi für Air France entscheiden lassen, ihr Plan sei "eindeutig solider", als der des Konkurrenten AirOne. Und wenn nicht der Wahlkampf dazwischen gekommen wäre, wäre der Verkauf (mit einigen unvermeidlichen aber auch notwendigen Zugeständnissen an die Gewerkschaften) inzwischen wohl unter Dach und Fach.

4. Akt: der Wahlkampf

Aber leider, wie schon gesagt, kam der Wahlkampf dazwischen und die ex- Opposition (Berlusconi), die jetzt wieder an der Regierung ist, hatte die notwendige Verteidigung Italiens gegen die Fremdlinge aus Frankreich auf ihre Fahnen geschrieben. "Bremst die Franzosen", "Alitalia muss italienisch bleiben", "Die Franzosen wollen sich die Früchte der italienischen Arbeit zum Ausverkaufspreis unter den Nagel reißen", das waren die Wahlslogans zum Thema. Wie diese Rettung Italiens aus höchster nationaler Not zu bewerkstelligen sei, sagte allerdings keiner so genau. Aber wer will im Wahlkampf schon Genaueres wissen.

5. Akt: die verzweifelte Suche nach einem Ausweg

Um den drohenden Bankrott abzuwenden, hatte die Regierung Prodi, in einem ihrer letzten Akte, Alitalia einen 300 Millionen Euro Kredit gewährt - die Europäische Union prüft zur Zeit, ob es sich dabei um einen normalen zurückzuzahlenden Kredit handelt oder um ein Staatsgeschenk, d.h. um eine unzulässige Konkurrenzverzerrung. Berlusconi, der während des Wahlkampfes großspurig den Eindruck verbreitete, als gäbe es bereits eine solide "italienische" Alternative zur "Überfremdung" von Alitalia, hat bis jetzt (Ende Mai) nichts Konkretes von sich gegeben. Die Suche nach Käufern, die willig sind, den riesigen Schuldenberg von Alitalia zu übernehmen, scheint doch schwieriger zu sein, als im Wahlkampf angekündigt.

Und so rückt ein weiterer Akt in bedrohliche Nähe. Tausende von Beschäftigten hoffen und beten, dass es nicht der letzte Akt einer Tragödie sein wird. Einer Tragödie, die vom ersten bis zum letzten Akt von der Politik und nicht vom wirtschaftlichen Sachverstand dominiert war...

Dieser Artikel wurde auch im Blog von Alessio Belucci veröffentlicht:

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